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Kleine Amsel-Geschichte auf Rügen

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Vogelstimmenkonzert in Göhren

Manchmal haben wir auf Rügen das deutliche Gefühl, inmitten einer riesengroßen Freiluft-Voliere zu leben, und im Mai wird dieses Gefühl nahezu überwältigend.

Weit vor Sonnenaufgang beginnt rund um unser Haus im Ostseebad Göhren das Vogelstimmenkonzert: Garten- und Hausrotschwanz, Drossel, Rotkehlchen und Amsel, Kuckuck, Fink, Sperling und Star jubilieren der Reihe nach und geben, so scheint es, einfach alles. Akzente setzt die Ringeltaube, die sich zwischendurch heftig verschluckt, so scheint`s, sie macht das nachhaltig, und genau vor unserem Fenster.

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So einmalig schön diese Vogelgezwitscher-Parade auch ist, manchmal wird die ganze Pracht zur Last und so mussten wir dann, nicht ohne verbindlich zu danken, einfach die Fenster dicht machen.

Nesterbau im Frühling

Ganz besonders berührt uns jedes Jahr im Frühling, wie emsig die Amsel ihr Nest baut. Ihr Anliegen wird beizeiten deutlich: das Amsel-Pärchen zieht ihre Kreise um Haus und Hof, sitzt im Weißdornbusch, auf den Spitzen der Hecke, hopst auf der Terrasse hin und her und wir wissen, jetzt suchen sie ein geeignetes Plätzchen zum Brüten. Irgendwo haben sie Stadion gemacht und beginnen mit dem Nestbau.

Wir sitzen dann immer wie angenagelt hinter der Glasscheibe und beobachten fasziniert, wie geschickt diese kleinen Vögel alles einsammeln, was sich zum Nestbau verwenden lässt. Nur nicht bewegen, flach atmen, sie beäugen uns beim Arbeiten, sie wissen, dass wir da sind und sie wissen, dass wir sie bewundern.

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Denn, es ist wirklich unglaublich, was diese gefiederten Baumeister im Schnabel transportieren können, ihre Logistik ist perfekt, das Resultat absolute Baukunst im Kleinen.

Verblüffende Nähe zu den Menschen

Und sie bauen ihr Nest nicht irgendwo im geschützten Hinterland, wir haben sie schon in Hecken und Büschen direkt neben der Sitzecke, der Terrasse, dem Balkon beobachten können, was versprechen sie sich von dieser relativen Nähe zum Menschen? Schutz gegen Räuber? Sie bauen ihr Nest auch mitten im Katzenrevier, zwar so, dass es für Katzen unerreichbar scheint – dennoch, die vierbeinige Gefahr ist allgegenwärtig.

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Amsel-Katzen-Symbiose

Doch – kein Witz, offensichtlich kennen sich Amsel und Katze gut und lange, sie beäugen sich, sitzen auch wenige Meter entfernt voneinander, der Vogel pickt im Beet, die Katze schaut zu, gelebte Toleranz.

Manchmal habe ich den Eindruck als würde sie extra Krümelchen auf ihrem Teller zurücklassen, für die Amselmama…

Eine sehr direkte Amsel-Begegnung

Im vorigen Jahr, im Mai, hatten wir ein Amselnest in der Hecke an unserer Ferienwohnung „Zum alten Pfau“.

Direkt gegenüber vom Hauseingang und direkt neben der Frühstücksecke an der Terrasse. Feriengast und Amselmutter konnten sich sozusagen jeden Morgen tief in die Augen schauen.

Für Großstädter ein besonderes Erlebnis! Und ein wunderbares Fotomotiv, was auch unserem Feriengast gelang, so festzuhalten.

Leider haben wir das Ausbrüten verpasst und auch die Amselkinder hätte ich gerne gesehen. Natürlich haben wir nicht ständig, wie die Paparazzi, vor dem Nest gesessen, doch plötzlich waren sie fort. Als wir uns wieder mal vorsichtig anschlichen, war das Nestchen leer…

Was war passiert? Wurde das Nest doch Opfer der räuberischen Natur?

So erlebt ein Jahr später.

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Neues Jahr, neues Amselglück

Wieder konnten wir beobachten, wie das Amselpaar ihren Nestbau vorbereitete und ausführte, es war nicht zu übersehen, die Baustoffbesorgung lief auf Hochtouren.

Nicht lange, da kam mein Nachbar und sagte: „Kommt mal gucken, wir haben einen neuen Untermieter.“. Tatsächlich, in unserer Efeuhecke, die beide Terrassen trennt, war deutlich das kleine Nest zu sehen und Vogelmamas Kopf. Da saß sie und schaute angestrengt und sehr gewichtig zu uns herüber.

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„Wieder so dicht am Menschen dran?“, wunderten wir uns, denn die Sitzecke war vom Brutplatz weniger als 2 Meter entfernt. Irgendwie hing an dieser Nähe nun für uns die Verpflichtung, zu sorgen und zu schützen, Dringlichkeitsstufe 1!

Neues Jahr, neues Amselglück

Denn auf dem Hausfirst gegenüber versammelte sich eine Räuberbande an Möwen, die sich durch ihre markanten, gellenden Schreie verständigten und ununterbrochen ihre Kreise um unseren Hof zogen. „Die wollen an das Nest und die Eier klauen!“, das war uns klar.

Und wir wussten, sollte sich die Vogelmutter mal kurz von ihrem Nest entfernen müssen, wären die Möwen am Start.

Wir mussten handeln. Wir gründeten schnellstens eine Art Wachdienst, der sofort zu Stelle war, wenn sich die Räubercrew näherte. Das hatten die Möwen nun von ihrem schrecklich lauten Geschrei, besser konnte keine Alarmglocke funktionieren!

Meine Position befand sich auf dem Balkon, dort hatte ich mein Arsenal an Wurfgeschossen und Percussion-Instrumente, die so behutsam wie möglich, aber so wirksam wie nötig, eingesetzt werden sollten.

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Einzelheiten tun hier nichts zur Sache. Ich war wild entschlossen, die Amselmutter zu beschützen.

Trauriger Verlust

Und doch – als ich eines Morgens vom Waldlauf zurück kam und vorsichtig um die Hecke lugte, war alles leer, fort, kein Amsel, nichts. Auch keine Möwe mehr auf dem Dachfirst, alles vorbei. Wir hatten nicht genug achtgegeben.

Die Möwenbande hatte genau den Augenblick abgepasst, als unsere Wachpositionen unbesetzt waren, die Vogelmutter nicht beim Brüten und so das kleine Nest offen für Angriffe war – und sie hatten diesen Augenblick gründlich genutzt.

Die ganze Arbeit umsonst, alle Vogelfamilienplanung zunichte, ein kleines Amselschicksal so räuberisch beendet.

Es sei hier nicht zu viel gesagt, dass wir alle traurig und richtig bedrückt waren. So gerne hätten wir zugesehen, wie die kleinen Amselkinder schlüpfen und flügge werden, wie es aussieht, das Familienleben der Amsel in unserer Hecke. War sie uns doch vertraut geworden und gehörte zu unserem Hof dazu.

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Freude am Kreislauf der Natur

Nun hoffen wir auf das nächste Frühjahr, auf das Amselpaar, wie es beginnt, ihr Baumaterial zu sammeln, und wir sind gespannt, wo dann ihr Nest sein wird. Und eins ist ja wohl sonnenklar – nachhaltige Fehler macht man kein zweites Mal, im nächsten Jahr werden wir siegen!

Versprochen, Amselmama.