
Halbinsel am Achterwasser und Peenestrom
Es gibt Zeiten im Leben, da ist der Mensch bereit zurückzuschauen. Da schlummert noch etwas Unentdecktes, Unerledigtes, Interessantes. Und wenn alles passt, macht der Mensch sich auf die Socken.
So auch ich. Für gewöhnlich im ausgefüllten Zeitplan ergab sich eine „freie“ Lücke im Kalender, die mich unruhig werden ließ. „Ein paar Tage abhauen, runter von der Insel Rügen? Gerne doch! Aber wohin?“, dachte ich mir.
Nun, in einem Zeitungsbericht war kürzlich die Rede von der Insel Usedom, genauer vom „Lieper Winkel“ am Achterwasser: Von unentdeckter Landschaft, bäuerlicher Abgeschiedenheit und – das war schließlich der ausschlaggebende Impuls – von einer Gegend auf Usedom, die gleich unserem Mönchgut eine jahrhundertalte Tracht bewahrt hätte. Davon hatte ich vor Jahrzehnten, als Ethnograph, schon mal gehört. Diese Mischung war perfekt.
Usedom-Urlaub am „Lieper Winkel“
Ruckzuck habe ich eine Route gecheckt und Ferienwohnung gebucht. Beides kein Problem: Fahrtzeit zwei Stunden. Die Auswahl an Ferienwohnungen beschränkte sich auf den einzigen größeren Gasthof in dieser Gegend und so zog ich los in die bäuerliche Abgeschiedenheit.
Es lässt sich hier gar nicht glaubhaft beschreiben, wie sehr diese Formulierung auf mein Reiseziel, auf den „Lieper Winkel“ passt – das muss man schon selber erlebt haben, aber der Reihe nach.
Der „Lieper Winkel“ ist eine kleine Halbinsel auf Usedom am Achterwasser, die sich tatsächlich, ähnlich unserem Mönchgut, über einen langen Zeitraum eine eigene Kultur und Lebensweise erhalten konnte, die kaum touristischen Einflüssen unterlegen ist.
Warum? Es gibt absolut keinen Strand, nur dichte Schilfgürtel. Die Badestellen sind der Zahl drei, nur an der nördlichen Kante zu finden, ansonsten eher Tümpel und nicht fürs Schwimmen zu empfehlen.
Was also tun am „Lieper Winkel“?
Gasthof Rankwitz am „Lieper Winkel“
Vorerst anmelden zum Frühstück im Gasthof Rankwitz, bei der alten, grauhaarigen, blitzgescheiten Chefin, die mein Tourmanager wurde. Überhaupt – Hätte ich ohne Frühstück gebucht, hätte ich den gesamten Tagesablauf in meinem Miniurlaub ausschließlich mit mir selber bereden können, kein weiterer Mensch vorhanden.
Aber: Gemütliche kleine Ferienwohnung, Garten rundherum, Apfelbäume, Katzen, alle Türen offen, sehr viel Friede.
Die Chefin gab mir ohne Nachfrage sofort einen kleinen Lageplan in die Hand und die Auflage, den Hafen in Rankwitz, das Museum und die einzige Kirche in Liepe zu besuchen.
„Räder“, so sagte sie, „sind hier überall per App und Handy zu mieten.“. Allerdings nur E-Bikes, die ich verweigerte.
„Biste sicher?“, fragte sie und merkte an: „Die Tour hoch zur Badestelle in Warthe und zurück sind mindestens 23 km.“.
Und da ich auf ein ganz normales Tretrad bestand, verfrachtete sie mich kurzerhand in ihren alten Lastwagen. Ab um die Ecke zum Bauernhof, denn: „Der hat wohl noch paar Treträder.“. Hatte er. Für 5 EUR einen Schluchtensauser ohne Gangschaltung, ohne Licht, Sattel zerschlissen, dafür mit riesigem Gepäckträger. „Wiederbringen!“, sagte der Bauer zu mir, “Brauche ich zum Einkaufen.“. Aha.
Dorfrundgang im Zentrum der Insel Usedom
Weil der neue Tag mit freundlicher Sonne lockte, ging es erst mal auf Erkundung durch die alte Dorfanlage – Feldsteinmauern, alte Bauerngehöfte nahezu unverändert seit Jahrzehnten und eine typische „Touristenpresse“ aus dem Jahre 1965. Eine kochechte FDGB-Urlaubsunterkunft vom Feinsten. Heute eher museal mit Abstand zu betrachten, aber schön am Peenestrom und dessen Schilfgürtel gelegen.
Hier geht es weiter Richtung Quilitz, ein altes Fischer-Bauerndorf auf Usedom, das ab 1630 zu Schweden gehörte – wieder eine Verbindung zur Halbinsel Mönchgut, vielleicht auch zu der so verblüffend ähnlichen Tracht? Der Wanderweg führt bis Warthe und Grüssow. Ich suchte verbissen eine Badestelle, fand stattdessen eine Bungalowsiedlung, ein Holzhäuschen, ruhig, unspektakulär, idyllisch – dazwischen wenige, aber prächtige Villenbauten.
Auch einen winzigen, eingezäunten Hafen (im Privatbesitz?) fand ich und ein altes Fischerhaus. Die Reuse im Garten, die Fenster dicht verhängt und das Auto der Sozialstation vor der Tür: „Von Beruf Mensch“, immerhin.
Und den alten Dorfkrug, was für ein klassischer Bau. Man musste nur die Augen schließen, um die Geschichte atmen zu hören. Absolut filmreif, was sich hier wohl alles abgespielt haben mag? Das wüsste ich nur zu gerne…
Heute nur noch Touristenstation, soll heißen „Fahrradverleih“ (ausschließlich E-Bikes im Angebot) und als ehemaliger Betrieb natürlich geschlossen.
Regen bringt Segen
Der nächste Tag kam mit Regen. Prima – fühlte mich ein wenig wie bei Hafterleichterung, also Radtour erst wieder morgen. Auf Regen war ich eingestellt per Cape und Stiefel. Ab ging es erst am Museum vorbei (hat nur einen Tag in der Woche geöffnet, heute gerade nicht) und weiter zum Hafen. Hübsche kleine Hafenanlage, Fischgaststätte, einige Ferienunterkünfte und ein Café – Juhu!
Keine Kundschaft, nur ich. Das muss die Verkaufskraft derart beglückt haben, dass sie mir ein Stück Kuchen, den Pott Kaffee und ein Glas Leitungswasser zum Vorzugspreis von 14,90 € überließ. Egal, ich saß unterm Regenschirm, schaute aufs Hafenbecken und dachte: „Alles meins.“.
Wieso ich dann einen Wanderweg durch ein Waldgebiet versucht habe, ohne Wegweisung – einmal fand ich ein handgemaltes Holzschild – dann durch Schilf- und Wiesenflächen bis an einen mir völlig unbekannten Wasserlauf („Krienker See“), an einzelnen Häusern ohne Licht und Mensch vorbei, alles bei strömenden Regen, lässt sich nicht eindeutig erklären.
Vielleicht habe ich nur das Gefühl auskosten wollen, auf einer Insel stundenlang umherwandern zu können, ohne einen Menschen zu treffen, was ich vom Mönchgut nun so gar nicht gewöhnt bin.
Das gibt es selbst auf einer Urlaubsinsel wie Usedom nur am „Lieper Winkel“.
Jedenfalls hat sich die alte Chefin im Gasthof Rankwitz am nächsten Morgen an die Stirn getippt, als ich ihr von meiner Tour berichtete und meinte: „Da darf man überhaupt nicht lang, das ist Wildschwein- und Jagdgebiet!“. „Darf man wohl!“, habe ich gedacht, „Allerdings nur bei Pladderregen.“.
Was denn? Hier gibt es ein „Sellin“
Beim Stöbern in den „Kartenunterlagen“, die mir meine Tourenmanagerin freundlichst überlassen hatte, entdeckte ich, dass es einen Ort gibt, der „Sellin“ heißt. Wie MEIN Sellin auf Rügen, mein Heimatbadeort. Logisch, dass ich mir den angucken musste, also nix wie hin.
Hatte mir lange und gründlich die Route dorthin eingeprägt und bin dann doch derart abenteuerliche Wege gefahren, die auf keiner Karte zu finden sind und die ich überhaupt nicht wiederfinden würde.
Wieso ich dennoch immer dort ankomme, wo ich ursächlich hinwill, steht in den Sternen. Nehme ich aber dankbar als gegeben an. Fand ein zauberhaftes kleines Sellin an der Boddenseite: Kleine, romantische Häuser, schöne Katzen und wieder – absolute Ruhe.
Leider auch hier alte Häuser, halbverfallen, nicht mehr bewohnt, abbruchreif. Keine Gegend für junge Familien. Offensichtlich mangelhafte Infrastruktur, nichts los außer schöne Natur und Stille. Aber, wer will schon so etwas.
Auf dem Rückweg Halt an der einzigen Kirche auf Liepe, in Liepe: Ein wunderschöner Feldsteinbau, Holzkunst im Pfarrgarten, beachtliches Konzertprogramm im Angebot und eine lustige Zimmermanns-Gesellschaft, die einen separaten Holzständerbau errichteten als Gemeinschaftsraum. Da war Leben bei Kirchens, hat mich gefreut!
Neuer Tag – neues Inselglück
Meine Fahrradtour nach Warthe begann gemütlich bei bestem Sonnenschein. Warthe entpuppte sich als das Dorf der „Blauen Häuser“ – keine Ahnung, wieso. Irgendeiner hat vielleicht zu viel Kanister blaue Farbe eingekauft. Sah aber hübsch aus und entschädigte für den gruseligen Anblick der absterbenden Fichtenwälder, die ich durchradeln musste. Ansonsten einwandfreier Radweg hoch zur nördlichen Küstenlinie der Insel Usedom.
Konsum als Fata Morgana
Außerdem fand ich einen Konsum, schon von Weiten lockte dieser Schriftzug und ich war davon nicht im Geringsten überrascht, irgendwie war hier doch alles anders, warum also kein Konsum? Bisher war mir weder ein Café, kein Eisladen, keine Kneipe, kein Geschäft begegnet, nichts!
Da ich von den angekündigten 23 km erst 10 km erledigt hatte, dachte ich: „Super, hier kaufste etwas zu trinken und zu essen.“.
Und bin ordentlich in die Schluchtensauser-Pedale getreten.
Alle Mühe umsonst.
Das Ganze war ein lebensgroßes, naturgetreues Wandbild von einem alten Dorfkonsum, mit Bank und Opa und Moped und mit Mädchen und Einkaufsnetz, alles in Öl und gemalt.
Und ich. Stand da und dachte: „Aha – Prinzip Fata Morgana.“.
Aber, der Tag war schön und ich nicht zu entmutigen. Mein Fahrrad rollte und ich fand die allerschönste Badestelle der Saison. Nur ich und ein Frosch, herrliches Wasser und absolute Ruhe. Wenn nicht die noch zu erledigenden Kilometer gedrängelt hätten, wäre ich länger geblieben, so nun aber weiter.
Härteste Radtour meines Lebens
Was sich jetzt anschloss, würde ich am liebsten verschweigen. Es folgte die härteste Radtour meines Lebens. Was zum Teil am ungefederten Vehikel, am alten, kaputten Sattel und am „Fahrradweg“ lag, der überhaupt keiner war, sondern eine 30 cm breitgeradelte Rasenschneise zwischen Hochufer und Feld und Wiese.
Das Ganze nahm kein Ende, der Nachmittag ging in den Abend und ich hing immer noch zwischen Hochufer und Feld. Ich radelte um mein Leben. Und natürlich bin ich gründlich gestürzt, gottlob fast unverletzt (das bisschen Blut…), aber als ich die ersten Häuser von Grüssow erreichte und sogar den weiteren Weg erkannte, verlieh mir der Stolz Flügel.
Blitzschnell war ich zurück Richtung Rankwitz und hatte gar noch Zeit für einen Aufstieg zum Jungfernberg, 18 m hoch, was auf der Lieper Halbinsel bedeutsam ist. Dort bin ich auf die Bank geklettert, habe die Aussicht und den herrlichen Rundblick bestaunt, ein Lied geschmettert, mir die Tapferkeitsmedaille verliehen und das „Gipfelbuch“ studiert.
Warum „Jungfernberg“? Eine alte Sage, nachzulesen im besagten Buch, wird hier nicht verraten… Was für ein besonderer Tag auf dieser einzigartigen Halbinsel Lieper Winkel.
Usedom-Urlaub museal
Nächster Urlaubstag auf Usedom in Ruhepause und Bildung – auf zum Museum. Daran kam ich nicht vorbei und wie gut, denn siehe da, es war ein „Schulmuseum“. Eingerichtet nach 1995, restauriert nach historischem Abbild und einklassige Dorfschule von 1895 – 1974.
Heute ehrenamtlich geführt hat das stattliche Gebäude, direkt an der Straße, nur noch einen Tag in der Woche geöffnet, zeigt außer historischem Schulbetrieb alles, was man sammeln konnte zu Kultur- und Lebensweise auf dem Dorf.
Ob Fischerfamilie oder bäuerliche Wirtschaft, wohnen, kleiden, essen, schlafen, ob Archiv, Magazin oder Ausstellung, alles war hautnah und direkt zu besichtigen, zu befühlen, und war, so gut man vermochte, sortiert hingestellt – und das über zwei Etagen.
Da musste man, als Museologe, mal wieder ganz tapfer sein. Die Verschnaufpause auf dem „Schulhof“, im Museumsgarten – zwischen Remise und Apfelbäumen – war eine echte Notwendigkeit.
Die Museumsführungskraft, eine beherzte Jungbäuerin, wollte wissen, woher mein auffälliges Interesse fürs Museale stammt – Ich konnte das Gespräch auf die Apfelernte umleiten.
Übrigens war ein besonderer Bereich den Textilien, der Tracht vorbehalten und tatsächlich, da standen sie beide, Frau und Mann in nahezu identischer „Mönchguter Tracht“.
Eine Erklärung dazu fand ich nicht, konnte mir auch nicht gegeben werden und so griff ich auf Gelerntes zurück, nämlich, dass – wenn sich Lebensumstände gleichen – auch ähnliche kulturelle, soziale Formen herausbilden, die sich gegenseitig bedingen. Eine historische Betrachtung bietet sich an.
Das Wasserschloss „Quilow“
Auf meiner Rückreise erfasste ich im Vorbeiflitzen ein Hinweisschild „Wasserschloss Quilow“ – Vollbremsung und 15 km zurück – was für ein Erlebnis!
Ein Ensemble wie aus dem Bilderbuch: Typische Dorfanlage mit Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert, Wirtschaftsgebäude, Parkanlage und kleiner Kirche.
Das prächtige Schloss war schon von Weiten durch die Renaissancefassade sichtbar, umgeben vom Wassergraben, Brücken, uralten Bäumen und machte stutzig durch einen modernen, für meine Begriffe überdimensionierten Anbau – vermutlich Fluchtweg oder Treppenhaus.
Beim Anschleichen geriet ich plötzlich in eine fröhliche Kaffeerunde, eine Frauengruppe winkte mich hinzu und forderte mich auf, mir doch alles in Ruhe anzusehen.
Geschichte, die wir uns nicht mehr leisten können
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, versteht sich. Und so kam ich in ein längeres Gespräch über das Dilemma alter Herrenhäuser, die kein Mensch restaurieren und finanzieren kann, die wunderbar instandgesetzt nicht weiter genutzt werden können, die – wie hier beim Wasserschloss Quilow – nur noch selten geöffnet werden für gebuchte Veranstaltungen.
Die aufgeräumte Kaffeerunde – Sektreste mussten vernichtet werden – ließ mich in die Schlossräume, in die Ausstellungen und damit ganz alleine mit einer hervorragenden Dokumentation zur Geschichte von Haus und Hof und mit wunderschönen, jahrhundertalten Möbelstücken.
Da jeder Raum in „Transparenter Denkmalpflege“ restauriert worden ist, konnte der Betrachter alle Schichten der vergangenen Jahrhunderte nachvollziehen.
Ich stand dort lange vor den Texten, den Fotos, ich konnte die Geschichte riechen und das Leben in diesen Räumen erahnen.
Ich habe die schönen, alten Holzarbeiten gestreichelt und die Ungewissheit des Ganzen verursachte fast Übelkeit.
Flaschenklappern, Schlüsselklirren machte mir Beine und ich mich gedankenvoll auf den Heimweg.
Ein Kurzurlaub am „Lieper Winkel“ auf Usedom voller Emotionen, Erlebnisse, Gedanken – keine lange Reise und doch so intensiv, wenn es gelingt, den unverstellten Blick zu behalten.


