Wie Mensch und Tier sich finden können

Blogger 28. März 2018 Juli 12th, 2018 Meine Arbeit, Rügen-Blog, Streifzüge, Tiere

Hausbesuche beim Schäferhund Oskar in Göhren

Vor Jahren war ich intensiv beschäftigt mit der Betreuung eines schwerkranken Patienten auf Rügen. Oft fuhr ich abends bei ihm in Göhren vorbei, zur Behandlung oder auf ein Patientengespräch.

Ganz leicht fiel mir dieser Hausbesuch nicht. Und das lag nicht am Kranken. Vielmehr an seinem Hund, einem riesengroßen, putzmunteren und sehr gesunden Schäferhund.

Wie auch anders hieß er Oskar. Frech wie.

Und schön, wie aus einer Hundezeitschrift, aber so etwas von aktiv…

Er war noch jung und wusste nicht, wohin mit seiner ungestümen Kraft.

Der Schäferhund, der Quasselkopp

Das alles könnte man noch aushalten. Nicht aber sein unaufhörliches Gebell. Ohne Pause stand das Tier die gesamte Zeit neben mir und bellte. Und so ein Schäferhund flötet nicht.

Abgesehen von der Lautstärke, zeigte er bei dieser Übung auch eindrucksvoll sein Gebiss – nein, das war nicht gemütlich. Daran änderten auch die Beruhigungsgesten der Hundehalter nichts, die mir immer wieder aufs Neue erklärten: sie hätten halt einen Hund, der viel zu erzählen hat – andere Hunde beißen, dieser würde ununterbrochen quatschen.

Ich war jedenfalls immer heilfroh, wenn ich wieder jenseits der Gartenpforte stand.

So richtig innige Freunde waren wir nicht.

Eine berührende Begegnung am Ostseestrand

Die Behandlung war abgeschlossen, unsere gemeinsamen Zeiten verringerten sich und hörten schließlich ganz auf. Den Hund verlor ich aus dem Sinn.

Bis wir uns wiedertrafen. Am Göhrener Ostseestrand, Frauchen dabei, lange nicht gesehen und eine Menge zu erzählen. Das bellende Riesentier zog um uns seine Kreise.

Natürlich ließ ich den Schäferhund, wenn auch sehr unauffällig, nicht aus den Augen. Und da fiel mir auf, dass er sein linkes Hinterbein seltsam benutzte, quasi in Schonhaltung – was war da passiert? Frauchen erzählte von einem kleinen Spielunfall vor einigen Wochen, da hätte das Tier sich eventuell ein Gelenk verrenkt beim Toben, und sie sagte: „Schau doch mal nach“. Dazu hatte sie allen Grund.

Denn bei ihrem Mann hatte die Behandlungszeit auch so angefangen, mit diesem Satz, und hatte gut und mit Erfolg beendet werden können.

Spontanbehandlung am Göhrener Strand

„Na“, sagte ich, „dann halte ihn mal gut fest“ und schickte ein Stoßgebet gen Engelschar.

Und da geschah für mich ein kleines Wunder. In dem Moment, als ich das Tier berührte und seinen Rücken, die Gelenke und Wirbelknochen, abtastete, wurde der Hund ganz still.

Er schien aufzuhorchen und in seine Aufmerksamkeit schlich sich ein hoffnungsvoller Gedanke nach Hilfe. Beherzt verstärkte ich meinen Finger- und Händedruck – das Tier hielt still. Und wahrhaftig, ich kann kräftig zudrücken, trainiert in jahrelanger Massagetätigkeit. Auf diese Weise konnte ich die Schmerzstelle ertasten, spürte die Temperaturveränderung im Fell und die ungleiche Oberflächenstruktur im Bewegungsapparat. Und konnte mir einen Reim darauf machen, auf seine „Schonhaltung“ beim Laufen und den vermutlichen Defekt.

Verständigung ohne Worte

Was dann mit dem Schäferhund passierte, wie er sich zu mir verhielt, ist kaum zu beschreiben, das muss man wirklich erlebt haben. Von dem Augenblick der Berührung an, hielt er sich dicht an meiner Seite, drängte richtig beim Gehen an mich heran, stupste mit dem großen Kopf und suchte ständig Blickkontakt und war absolut still. Kein Mucks, kein Beller, nichts. Nur Blicke und Stupsen. Als wollte er sagen: „Mach weiter da, du warst an der richtigen Stelle, da tut es weh, hilf mir!“

Frauchen und ich legten einen nächsten, dringenden Heilungsplan fest, besprachen das Nötigste und trennten uns. Der Hund blieb an meiner Seite. Und schaute mich still an.

Da habe ich ihn noch einmal sanft die Schmerzstelle massiert und ihm versprochen, dass Frauchen sich kümmern und alles wieder gut werden wird.

Und dann stupste er noch einmal, wie zum Dank, und erst dann lief er seinem wartenden Frauchen nach.

Die Zweibeiner hatten Tränen in den Augen. Es war uns nicht peinlich zu zeigen, wie sehr es berührt, wenn es gelingt, sich mit einem Tier ohne Worte zu verständigen.

Wenn man spüren darf, wie Zuneigung verbindet.

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