
Besuch bei Freunden
Wir sind in der glücklichen Situation, Berlin aus entspannter Entfernung und zu ausgesuchten kulturellen Erlebnissen besuchen zu dürfen: Wir organisieren uns einen Berlin-Besuch mitten im Sommer.
Für eine gute Woche bewohnen wir das Haus unserer Freunde in ländlich-friedvoller Atmosphäre, sitzen mitten im Rosengarten, beobachten Vögel, Eichhörnchen und Igel. Schon freuen wir uns auf den Abend, denn mit der S-Bahn sind wir in nur 22 Minuten mitten im Zentrum. Dort, wo es ausgesuchte Kinovorstellungen gibt, Museen, Galerien, Theater und Konzerte, die atemlos machen. Kleine, feine Theater locken, die große Bühne macht frei für die Tänzer der Welt. Musik, die quer durch die Seele geht und natürlich – kunterbunte oder völlig durchgedrehte oder bilderbuchbunte Cafés. Wir haben sie alle in Berlin.
Und dann sitzen wir später, nach gut 20 Minuten S-Bahn Fahrt wieder zurück auf der Terrasse im Rosengarten unserer Freunde, gucken in die Sternennacht und denken zurück an den Tag: Was war wichtig? Was bleibt?
Unverhoffte Lebendigkeit im Humboldt Forum
Wir hatten Karten für das Abendkonzert im Berliner Dom. Dieser Besuch ist ein Muss! Der Mensch wird ganz klein unter der prachtvollen Kuppel, die Sauer-Orgel galt zur Einweihung 1905 als die größte Orgel Deutschlands. Zu hören immer mittags und an unserem Besuchstag war ab 18 Uhr Orgelmusik im Rahmen der regulären Gottesdienste und Andachten zu erleben. Wir hatten noch Zeit und waren ahnungslos. Drum dachten wir uns: Gucken wir doch mal wieder rein ins Humboldt Forum.
Ach, Wilhelm und Alexander von Humboldt, euch hat keiner gefragt, was würdet ihr euch wundern und vergeblich suchen, den Anspruch an Wissenschaft und Bildung. Wir suchten ihn auch. Uns umgab in diesem riesigen, prunkvollen Gebäudekomplex eine bedrückende Sinnentleerung. Eine Handvoll Besucher irrte treppauf und treppab und fragte sich – genau, wie wir – „Was soll das hier alles nur?“. Vergleichbar vielleicht mit dem Gefühl, das man beim nächtlichen Spaziergang durch eine Einkaufspassage bekommen kann: Angebote fürs Auge, zu gebrauchen ist nichts.
Die kleinen Dinge sind die Wichtigsten
Bis auf diese kleine Episode, die dem Besuch im Humboldt Forum Charakter gab: An der Rolltreppe seitlich stand ein winziger Mensch, Lockenkopf und fröhlich in seinem 3. Lebensjahr. Hüpfend von einem Bein auf das andere und verkörperte Begeisterung für Treppen, die da rollend verschwinden, mit ihm immer mal ein Mensch – das hatte er noch nie gesehen.
Aussichtslos, ihn da weg zu bekommen, dies Schauspiel riss den kleinen Kerl förmlich vom Hocker. Sein Jauchzen war das einzig Lebendige im Gebäude. Auch ich fuhr seitlich an ihm ins Untergeschoß, wir lachten uns zu. Mit einer gewissen Häme konnte ich registrieren, wie seine kleinen Patschhände der Glasfront an der Rolltreppe ein kindgerechtes Aussehen verpassten. Dann nix wie weg, uns erwartete der Berliner Dom, genau gegenüber.
Nicht nur geographisch ein Pendent, auch ein völlig anderes Kulturerlebnis. Aber, das wusste ich noch nicht.
Weltflüchtlingstag im Berliner Dom
Worüber wir keine Kenntnis hatten: An diesem Abend wurde ein „Gedenkgottesdienst mit Musik und Texten zum Weltflüchtlingstag“ zelebriert. Schon zu Beginn, mit dem Einzug des Staats- und Domchores Berlin, wurde atemlose Stille, Erwartung auf allen Bankreihen spürbar.
Mit den Klängen der Oud, einer arabischen Laute, gab uns der Musiker Wassim Mukdad augenblicklich zu verstehen – hier, jetzt passiert etwas Besonderes.
Ein öffentliches Gedenken für die Opfer der Flucht nach Europa
Domprediger Stefan Scholpp fand deutliche, schnörkellose Worte und begrüßte als Ehrengast Dr. Hamed Soleimanzadeh, derzeit tätig als Forscher, Filmemacher und Filmkritiker an der Universität der Künste Berlin.
Sein eindringlicher Wortbetrag machte deutlich: Bilder, Fotos, Filme zum aktuellen Thema dienen ausschließlich der Erforschung der Wahrheit. Seine Filme stehen im Dialog mit dem Publikum, um es dazu zu bringen, über die eigene Existenz und Wahrheit nachzudenken. Ein hoher Anspruch, vor dem so mancher Kirchenbänkler den Kopf und Blick senkte.
Einen Moment wurde es mucksmäuschenstill und auch ich fragte mich: Wie weit lasse ich alles an mich heran? Die Fotos, dieses unfassbare Leid der Flüchtlinge in unserer Welt? Wie gehen wir, denen es gut geht, die alles haben, mit diesem Thema um? Kann man das überhaupt – damit umgehen?
„Beim Namen nennen“
In Kooperation mit der Seenotrettungsorganisation „Sea-Watch e.V“ berichtete ein Mitarbeiter über die Probleme, Notwendigkeiten, schwierigen Umstände, aber auch Erfolge ihrer Arbeit weltweit. Es wurden Namen der Verstorbenen verlesen, hunderte Schicksale waren auf Stoffbänder geschrieben und an das Gitter vor dem Berliner Dom angebracht worden. Auf den Kirchenbänken lagen Rettungswesten.
Der Mitarbeiter von „Sea-Watch“ erzählte, er sei gefragt worden, ob man für diesen Gedenktag ein paar Rettungswesten, angespült, eingesammelt, bekommen könnte und er sagte: „Einige? Ihr könnt Hunderte haben!“.
Aus 130 Rettungswesten wurde ein 5 Meter hohes Kreuz außen über dem Hauptportal des Berliner Doms angebracht, welches abends weithin über den Lustgarten in den Stadtraum Berlins hineinleuchtet, als ein Symbol der Hoffnung.
Unsere Aufgabe: „Bleibe Mensch“
Mir war, beim Eingang in den Dom, dieses Kreuz gar nicht bewusst geworden, meine Wahrnehmung hatte einen Bogen darum gemacht.
Nun standen wir wieder auf dem Platz, der Gedenkgottesdienst war zu Ende, wir schauten auf dieses ungewöhnliche Kreuz, dachten an die eben gehörten, so bewegenden Worte und wussten – die Mühen um Nächstenliebe und Menschlichkeit bleiben unser tägliches Brot.
Ich dachte zurück an den fröhlichen Knirps im Humboldt Forum. Und ich wünschte auch ihm eine Rettungsweste aus Mut. Stark und geschützt möge er sein, um sich im Leben für die Schwächsten einzusetzen zu können.


