Berlin – Was von der Fremde bleibt

Blogger 4. September 2026September 12th, 2026Reiseberichte, Rügen-Blog

Besuch bei Freunden

Wir sind in der glück­lichen Situation, Berlin aus ent­spannter Ent­fernung und zu aus­ge­suchten kulturellen Er­lebnissen be­suchen zu dürfen: Wir organi­sieren uns einen Berlin-Besuch mitten im Sommer.

Für eine gute Woche be­wohnen wir das Haus unserer Freunde in ländlich-fried­voller Atmos­phäre, sitzen mitten im Rosen­garten, beo­bachten Vögel, Eich­hörnchen und Igel. Schon freuen wir uns auf den Abend, denn mit der S-Bahn sind wir in nur 22 Minuten mitten im Zentrum. Dort, wo es aus­ge­suchte Kino­vor­stellungen gibt, Museen, Galerien, Theater und Konzerte, die atem­los machen. Kleine, feine Theater locken, die große Bühne macht frei für die Tänzer der Welt. Musik, die quer durch die Seele geht und natür­lich – kunter­bunte oder völlig durch­ge­drehte oder bilder­buch­bunte Cafés. Wir haben sie alle in Berlin.

Und dann sitzen wir später, nach gut 20 Minuten S-Bahn Fahrt wieder zurück auf der Terrasse im Rosen­garten unserer Freunde, gucken in die Sternen­nacht und denken zurück an den Tag: Was war wichtig? Was bleibt?

Unver­hoffte Lebendig­keit im Hum­boldt Forum

Wir hatten Karten für das Abend­konzert im Berliner Dom. Dieser Besuch ist ein Muss! Der Mensch wird ganz klein unter der pracht­vollen Kuppel, die Sauer-Orgel galt zur Ein­weihung 1905 als die größte Orgel Deutsch­lands. Zu hören immer mittags und an unserem Besuchs­tag war ab 18 Uhr Orgel­musik im Rahmen der regu­lären Gottes­dienste und An­dachten zu er­leben. Wir hatten noch Zeit und waren ahnungs­los. Drum dachten wir uns: Gucken wir doch mal wieder rein ins Hum­boldt Forum.

Ach, Wilhelm und Alexander von Hum­boldt, euch hat keiner ge­fragt, was würdet ihr euch wundern und ver­geblich suchen, den An­spruch an Wissen­schaft und Bildung. Wir suchten ihn auch. Uns umgab in diesem riesigen, prunk­vollen Ge­bäude­komplex eine be­drück­ende Sinn­ent­leerung. Eine Hand­voll Besucher irrte trepp­auf und trepp­ab und fragte sich – genau, wie wir – „Was soll das hier alles nur?“. Ver­gleich­bar viel­leicht mit dem Gefühl, das man beim nächt­lichen Spazier­gang durch eine Ein­kaufs­passage be­kommen kann: Angebote fürs Auge, zu ge­brauchen ist nichts.

Die kleinen Dinge sind die Wichtigsten

Bis auf diese kleine Epi­sode, die dem Besuch im Hum­boldt Forum Charakter gab: An der Roll­treppe seit­lich stand ein winziger Mensch, Locken­kopf und fröh­lich in seinem 3. Lebens­jahr. Hüpfend von einem Bein auf das andere und ver­körperte Be­geist­erung für Treppen, die da rollend ver­schwinden, mit ihm immer mal ein Mensch – das hatte er noch nie ge­sehen.

Aus­sichts­los, ihn da weg zu be­kommen, dies Schau­spiel riss den kleinen Kerl förm­lich vom Hocker. Sein Jauchzen war das einzig Leben­dige im Gebäude. Auch ich fuhr seit­lich an ihm ins Unter­geschoß, wir lachten uns zu. Mit einer gewissen Häme konnte ich registrieren, wie seine kleinen Patsch­hände der Glas­front an der Rolltreppe ein kind­gerechtes Aus­sehen ver­passten. Dann nix wie weg, uns er­wartete der Berliner Dom, genau gegen­über.

Nicht nur geo­graphisch ein Pendent, auch ein völlig anderes Kultur­erlebnis. Aber, das wusste ich noch nicht.

Welt­flücht­lings­tag im Berliner Dom

Worüber wir keine Kennt­nis hatten: An diesem Abend wurde ein „Ge­denk­gottes­dienst mit Musik und Texten zum Welt­flücht­lings­tag“ zele­briert. Schon zu Beginn, mit dem Ein­zug des Staats- und Dom­chores Berlin, wurde atem­lose Stille, Er­wartung auf allen Bank­reihen spür­bar.

Mit den Klängen der Oud, einer ara­bischen Laute, gab uns der Musiker Wassim Mukdad augen­blick­lich zu ver­stehen – hier, jetzt passiert etwas Be­sonderes.

Ein öffent­liches Ge­denken für die Opfer der Flucht nach Europa

Domprediger Stefan Scholpp fand deut­liche, schnörkel­lose Worte und be­grüßte als Ehren­gast Dr. Hamed Solei­man­zadeh, der­zeit tätig als Forscher, Filme­macher und Film­kritiker an der Uni­versität der Künste Berlin.

Sein eindring­licher Wort­betrag machte deut­lich: Bilder, Fotos, Filme zum aktuellen Thema dienen aus­schließ­lich der Er­forsch­ung der Wahr­heit. Seine Filme stehen im Dia­log mit dem Publi­kum, um es dazu zu bringen, über die eigene Existenz und Wahr­heit nach­zu­denken. Ein hoher An­spruch, vor dem so mancher Kirchen­bänkler den Kopf und Blick senkte.

Einen Moment wurde es mucks­mäuschen­still und auch ich fragte mich: Wie weit lasse ich alles an mich heran? Die Fotos, dieses un­fass­bare Leid der Flücht­linge in unserer Welt? Wie gehen wir, denen es gut geht, die alles haben, mit diesem Thema um? Kann man das über­haupt – damit umgehen?

„Beim Namen nennen“

In Kooperation mit der See­not­rettungs­orga­ni­sation „Sea-Watch e.V“ be­richtete ein Mit­arbeiter über die Probleme, Not­wendig­keiten, schwierigen Um­stände, aber auch Er­folge ihrer Arbeit welt­weit. Es wurden Namen der Ver­storben­en ver­lesen, hunderte Schick­sale waren auf Stoff­bänder ge­schrieben und an das Gitter vor dem Berliner Dom an­ge­bracht worden. Auf den Kirchen­bänken lagen Rettungs­westen.

Der Mitarbeiter von „Sea-Watch“ erzählte, er sei ge­fragt worden, ob man für diesen Gedenk­tag ein paar Rettungs­westen, an­ge­spült, ein­ge­sammelt, be­kommen könnte und er sagte: „Einige? Ihr könnt Hunderte haben!“.

Aus 130 Rettungs­westen wurde ein 5 Meter hohes Kreuz außen über dem Haupt­portal des Berliner Doms an­ge­bracht, welches abends weit­hin über den Lust­garten in den Stadt­raum Berlins hinein­leuchtet, als ein Symbol der Hoffnung.

Unsere Aufgabe: „Bleibe Mensch“

Mir war, beim Ein­gang in den Dom, dieses Kreuz gar nicht be­wusst ge­worden, meine Wahr­nehmung hatte einen Bogen darum ge­macht.

Nun standen wir wieder auf dem Platz, der Gedenk­gottes­dienst war zu Ende, wir schauten auf dieses un­ge­wöhn­liche Kreuz, dachten an die eben ge­hörten, so be­wegen­den Worte und wussten – die Mühen um Nächsten­liebe und Mensch­lich­keit bleiben unser täg­liches Brot.

Ich dachte zurück an den fröh­lichen Knirps im Hum­boldt Forum. Und ich wünschte auch ihm eine Rettungs­weste aus Mut. Stark und ge­schützt möge er sein, um sich im Leben für die Schwächsten ein­zu­setzen zu können.