
Der Sommer ist wieder vorbei
Wirklich unberechenbar? Wer die Ostsee lange genug kennt, hat gelernt, sie „auszuzählen“ – und zwar nicht im Sinne vom „Knockout“, sondern beim Auszählen und Ermitteln der finalen Welle. Ich beschreibe mal von Anfang an.
Unser richtig warmer, schöner Sommer ist vorbei.
Wieder viel zu schnell, um sich gegen drohenden Novemberblues in der Seele und Pfefferkuchengebäck in den Großmärkten wappnen zu können.
Bedrückt lungert die Strandtasche im Flur. Ich räume sie trotzdem nicht weg, denn noch sind warme Sonnenstunden der Anreiz zum Baden in der Ostsee.
Aber, es hilft alles nichts, die ersten vorherbstlichen Stürme haben heftige Wellen ans Ufer gedonnert, unseren Strand handtuchschmal werden lassen, Hochufer verschoben, Bäume entwurzelt.
Hinderniswandern am Göhrener Strand
Wer jetzt „Spülsaumwandern“ praktizieren will, der muss am Göhrener Strand gut klettern können.
Die abgerutschten Baumriesen bilden Blockarden und Hindernisse, die nicht jedermanns Sache sind. Für den nun auch schon in die Jahre gekommenen Hund muss ich an besonders engen Stellen Hilfeleistung anbieten und „Räuberleiter“ machen.
Dort, wo kein Urlaubswanderer mehr klettern mag, dort ist es am Schönsten, dort sind wir ganz unter uns und spielen „Robinson und Freitag“.
Und wir nehmen die Situation sportlich, denn nicht immer ist Klettern notwendig, um ein Hindernis zu überwinden.
Wer die Ostsee kennt, kennt auch diesen Trick.
Wasserwirksames Wesen
Die Wellen folgen einem bestimmten Rhythmus, sie bauen einander auf und loten ihre Grenzen zum Auslaufen im Spülsaum von Mal zu Mal deutlich weiter aus.
Man kann einfach stehen bleiben, mitzählen und verstehen: Jede sechste oder siebente Welle kommt mit Schwung weit über Knöchelhöhe. Das heißt, wer gut beobachten und warten kann, der schafft es, den Wellen davon zu laufen. So weit, so gut. Aber, das weiß eben nicht jeder.
Erfahrungsmomente am Spülsaum der Ostsee
Der ältere Herr vor uns hatte weder die Hosenbeine hochgekrempelt, noch die Schuhe ausgezogen. Für alle drei Objekte ahnte ich Schlimmes.
Über die ersten Bäume am Uferrand versuchte er noch zu klettern, sie lagen ihm auch zu weit im Wasser. Die nächste Baumsituation aber – zu hoch, um darüber zu steigen – führte ihn in die Versuchung, unten hindurchzukriechen. Wäre möglich gewesen, hätte er mitgezählt.
Und so mussten der Hund und ich mit ansehen, wie der ältere Herr sich nicht nur hoffnungslos unter dem Baum verkeilte, nein, in dieser Zwangslage kam dann auch noch die siebente Welle.
Was soll ich sagen? Der Hund suchte völlig desinteressiert das Weite und ich trocknete mit meinem kleinen Handtuch die Brille des Durchnässten.
Mehr war nicht zu tun. Der Rest der Geschichte ist die Sache mit der Erfahrung. Fairerweise habe ich es ihm noch mal gezeigt, wie die Wellen kommen und wie man ihnen entkommt.
Aber ich glaube, er hatte nicht viel Sinn für mein Gerede, Wasser war auch in den Ohren und viel zu sehr um ihn herum.
Ausblicke nach Norden
Hier am besten noch mal orientieren: wir sind am Hochufer des Südstrandes bis zur Spitze Nordperd gelaufen und wenden uns nun zurück nach Göhren. Wieder führt der Uferwaldweg an hohen Kliffranddünen entlang und immer wieder bieten sich herrliche Ausblicke weit über die Ostsee.
Man kann nicht alles haben…
Ich wette, seine nächste Ostseereise wird in die Hauptsaison gelegt. Dann braucht er zwar keine Wellen zu zählen, aber die Augenblicke, in denen er – wie damals im September – ganz alleine am Strand war.


