Der Sommer atmet aus – Saisonende auf Rügen

Kunst am Ostseestrand von Göhren

Der Sommer atmet aus. Er macht das professionell, sanft, lange und bedächtig. Man spürt, er macht das nicht zum ersten Mal.

Nun setzt sich der Sommer vorsichtig, er lehnt sich zurück. Denn das war harte Arbeit in diesem Jahr. Auch bei uns auf Rügen. Jetzt braucht er einen Ruheplatz – am besten mit Seeblick.

Mit der Mattheit überstandener, langer und heißer Sommertage spürt man die sanfte Ruhe in der Natur entlang der Ostseeküste. Die Zeit von Ende August bis Anfang September ist die Zeit der Vergebung. Woran ihr das erkennen könnt? Am deutlichsten am Licht: es beginnt zu schimmern.

Schaut in das Perlmutt-Licht an der Grenze von Wasser und Land, hört auf den Wind. Seine Sprache wird anders, schneller, kräftiger. Und seht über den Rand der Baumwipfel, wie sich diese Grenze zum Himmel verändert, wie sie verwischt und undeutlich wird.

Und wie die grüne Wand des Waldes plötzlich farbige Flächen bekommt, wie ein lebendiges Mosaikbild, das sich ständig verändert. Jedes Jahr wieder, immer wieder neues Staunen. Du meine Insel Rügen, jeder Tag ist ein Geschenk.

Der „Letzte Mohikaner“ von Göhren

Und der Strand, was macht unsere bunte, laute, bevölkerte Urlaubsmeile im Ostseebad Göhren?

Plötzlich ist da wieder reichlich Sand.

Und Platz und Ruhe.

Auch die Strandcamper sind fort, ihre kleinen Zeltoasen an der Düne haben sich in Luft aufgelöst.

Die Schulkinder haben ihre Plätze geräumt und sie freigegeben für die Generation „Silberlocke mit Hund“.

Man weiß nicht so genau, was man lieber hätte.

Bäderarchitektur? Nein – Strandarchitektur an der Ostsee!

In das Lebensgefühl „Beachparty“ mischt sich Wehmut und macht sich breit. Etwas ist für immer vorbei.

Man liegt kaum noch am Strand, eher wird das Programm „Spülsaumwandern“ aktiviert und der Strandwanderer entdeckt Zeugnisse früherer Besiedelung, oft kleine, aber feine Kunstwerke der Strandarchitektur.

Sommerhäuser für eine kurze Saison.

Und was wurde da alles gebaut!

Ganze Sommerresidenzen und Bungalows aus Strandholz und Steinen.

Streckenweise erschien der Strand völlig aufgeräumt und absolut steinfrei, weil alles Verfügbare zum Baumaterial umfunktioniert wurde.

Kreative Strandkunst als Botschaft

Diese umfassend erstaunliche Freisetzung an Urlaubsenergie und Freizeitkreativität rückt das Bild vom faulen Sonnenanbeter wieder in das rechte Licht.

Nein, hier wurde nicht nur dumm rumgelegen, denn Sonne macht glücklich und die Gedanken frei.

Und wie man sieht: Ostsee heilt.

Sie heilt von dumpfer, mürrischer Enge.

Mit Vergnügen beuge ich mich der Vergebung. Und dem über Monate gewachsenem Groll gegen massenweise XXL-Menschen und ihrem pastösen Nachwuchs.

Und ich intoniere beim Strandwandern die Worte von Rainer Maria Rilke und weiß: in allem steckt ein wenig Gutes, in jedem Ende ein Anfang.

Die neue Urlaubssaison auf Rügen steht schon fast wieder in den Startlöchern.

Was denkt Ihr? Schreibt es uns!