
Goethe: „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah…“
Nein, auch wenn es sich so anhört: Dieses Zitat habe ich nicht bei Hedwig Courths-Mahler (Archiv in Nebra) gefunden, sondern beim Altmeister Goethe, dessen Wesen bekanntlich eine tiefe, wahre Kenntnis über das Leben zugrunde lag.
Seit Schulzeiten nicht mehr daran gedacht, neuerdings immer öfter, als sich im Freundes- und Bekanntenkreis die „Paris-Mania“ breit machte. Plötzlich wurde Frankreichs wundervolle Hauptstadt zum erklärten Reiseziel vieler unserer Bekannten rundum.
Prinzipiell nichts dagegen. Im Gegenteil – fast hätte ich ausgerufen: „Wir auch!“.
Aber da ich immer vermieden habe, mit der „Welle“ zu schwimmen, bin ich bisher möglichst keiner allgemeinen Bewegung gefolgt, sondern meinem dickköpfigen Instinkt und so landeten unsere Reisepläne tatsächlich bei Goethe bzw. seinem Zitat: „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah…“.
Das herrlichste Frühlingswetter war die Grundlage für unsere Überlegungen in Richtung Unstrut, Naumburg, Freyburg – in den Burgenlandkreis, ins Land des Weinanbaus.
Drum ab zum alten römischen Gott des Weines, zum Bacchus!
Unser Weinberghäusl in Freyburg
Ich bin ja, bei der Suche nach einer Ferienwohnung, immer auf etwas Besonderes aus.
Uund als ich das „Weinberghäusl“, weit oben über Freyburg an der Unstrut, mitten im Rebenfeld fand, habe ich sofort gebucht.
Dachte ich doch, tatsächlich etwas Außergewöhnliches gefunden zu haben.
Das war es dann auch, aber eher bezüglich der Schlafvariante auf dem Kriechboden unter schrägen Wänden.
Später wurde uns klar, dass die Umwidmung der alten Geräteschuppen in sehr individuelle Ferienhäuschen eine gängige Methode ist, die alle Weinberge rundum zur Schau stellten.
Das Unsrige, auf dem Weingut Deckert, konnten wir bestens mit dem Pkw erreichen – allerdings nur bei trockenem Wetter – und es war einfach zauberhaft.
Ferienwohnung im Weingut Deckert
Der Blick aus den Fenstern unserer Ferienwohnung ging weit über das Land.
Von der Terrasse aus konnten wir die Kirchtürme von Naumburg erspähen.
Und – das machte diesen Aufenthalt so lebendig – wir nahmen unmittelbar teil am Leben im Altenteil „Deckert“:
An Katz, Huhn und Pferd, am Tagesablauf des alten Weinbauers, der im Gleichschritt mit seinem genauso alten Hund über den Hof hinkte.
Weinfest in Freyburg zum 1. Mai
An diesem Tag (1. Mai) wäre unsere Anreise nicht möglich gewesen, kein Durchkommen per Pkw durch diese „Weinmeile“, die sich zum Weinfest in Freyburg an der Hauptstraße kilometerweit hinzog. Handwerk, Musik, Essen, Naschen, Trinken und Menschen – alle da.
Wir sind geflüchtet. Fanden einen wunderschönen Wanderweg hoch zum Schloss Neuenburg, wo wir fast alleine waren. Die Ausstellung war zwar geschlossen, nur der Turm hätte bestiegen werden können, aber die riesige Anlage dieser „kleinen Schwester der Wartburg“ war beeindruckend und nahm uns weit mit zurück in die Geschichte des Landes. Ein Besuch der Neuenburg ist unbedingt zu empfehlen!
Wandern zum Schloss Neuenburg
Die sanfte, liebliche Landschaft ist ideal zum Wandern (wie im Bilderbuch) entlang der Flussläufe oder über bestens ausgewiesene Radwege ohne wesentliche Höhenunterschiede. Überall begegneten wir Weinkeltereien, Lokalitäten mit Freisitz, Cafés und urigen Kneipen.
Auf der Strecke nach Großjena, immer an der Unstrut entlang, sogar der Spezi „Kleingärtner“.
Die haben sich, weil ihr Haus an der abfallenden Uferböschung zum Fluss liegt, ein ganz privates Paradies geschaffen.
Ganz nach dem Motto „Klein, aber mein“ werden dort bereits seit Jahrzehnten Blumen- und Gemüsebeete kultiviert. Eine Pracht das anzusehen.
Und da der heimische Menschenschlag ein aufgeschlossener und sehr freundlicher ist, kamen wir natürlich ins Gespräch.
Ausgestattet mit reichlich Hintergrundwissen ging es zurück am Ufer der Unstrut auf schmalem Wanderpfad, im traumhaften Grün.
Kaiserpfalz: Das Land der Burgen
Im Prinzip hat jede größere Ortschaft eine Burg, ein Schloss oder wenigstens das, was die Zeit übriggelassen hat – eine Burgruine. Es geht „rückwärts durch die Zeit hinein ins Mittelalter“. Unbedingt einen Tagesausflug sollte man einplanen für die Kloster- und Kaiserpfalz Memleben. Dieses Areal ist ein hervorragendes Beispiel für gelebte Denkmalpflege, für Geschichtsbewusstsein und für die (nicht mit Geld zu bezahlende) Arbeit der Steinmetze und Restauratoren, inklusive Museum.
Nehmt euch Zeit, derart komplexe Geschichtsdarstellung findet man selten: Marienkirche mit wunderbarem Klostergarten, angeschlossene Sakristei, Klausur, Refektorium und zum Schluss die Klostersuppe im Museumscafé, perfekt.
Schloss Goseck und seine wechselvolle Geschichte
Ja, auch das Schloss Goseck ist ein Erlebnis und Ausflug wert: Ein von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt verwaltetes Baudenkmal an der Straße der Romanik. Bereits im 11. Jh. als Burganlage für eine Adelsfamilie erbaut, wurde der Platz umgehend genutzt, um ein Klostergebäude für Benediktinermönche zu errichten. Kirche, Klostergebäude, Stallungen wechselten im Laufe der Jahrzehnte ihre Bestimmung, wurden Wohnungen, Schulräume und Jugendherberge.
Nach Jahrzehnten des Wiederaufbaus und der Restaurierung kann sich der Besucher mit Hilfe einer multimedialen Dauerausstellung in der Klosterkirche ein umfassendes Bild von diesem historischen Komplex erarbeiten.
Von Goseck zum Observatorium
Ein schöner, gemächlicher und nur ca. 45 Minuten währender Wanderweg führt von Goseck zu einer prähistorischen Besonderheit, dem Sonnenobservatorium. Wer sich darunter wenig oder nichts vorstellen kann, findet es vermutlich nie. Dabei ist die Größe der Anlage schon beachtlich und unübersehbar, aber die unglaubliche Bedeutung dieses Monuments, dieses kreisförmigen Pfahlbaus mitten auf einem Acker, das könnte am Waldwanderer glatt vorbei gehen, wenn man nichts wüsste.
Wir wussten. Wegbeschilderung hatte uns geführt. Und so standen wir vor diesem 7000 Jahre alten Zeugnis frühester, systematischer Himmelsbeobachtung. Bauern der Jungsteinzeit errichteten diese Kreisgrabanlage, deren Tore und Palisadenunterbrechungen auf wichtige Termine des bäuerlichen Wirtschaftsjahres ausgerichtet sind. Das Erkennen von Sonnenwenden oder die Fixierung des Frühlingsfestes sind Daten, die in der Landwirtschaft einen festen Platz hatten und bedeutungsvoll geachtet wurden. Ein Platz zum Lernen und zum Staunen.
Burg als Denkmal oder als Wohnraum?
Angesichts der vielen Burgen und Schlösser kamen wir in eine streitbare Diskussion über die zukünftige Nutzung dieser Anlagen. Immer nur Denkmal? Immer nur gelebte Geschichte? Warum nicht auch mal so eine Burg freigeben für den Bedarf ganz profaner Wohnungssuchende?
Schräger Gedanke. Darauf, ich muss es mal so sagen, kann nur einer kommen, der mit Geschichtsbewusstsein nicht viel am Hut hat.
Wohnen im historischen Gemäuer können eigentlich nur Menschen mit sehr, sehr langem Atem oder mit sehr, sehr viel Geld und mit einer großen Portion Achtung vor der Geschichte.
Immerhin, so argumentierte ich, immerhin machen diese Burgen den Charakter des Burgenlandkreises aus, hier mühen sich Denkmalpfleger, Kulturstiftungen, Kreise und Ämter um den Erhalt eines Landschaftsbildes wie es einmalig ist.
„Rügen war mal die Insel der Fischer“, sagte ich: „Nun ist kaum noch etwas übrig und dennoch wird nicht aus jeder alten Schute, jedem ausgedienten Lastkahn, nicht aus jedem Fischerboot ein Hausboot, oder?“.
Natürlich hinkt auch dieser Vergleich – aber, mir kam der Zufall (den es nicht gibt) zu Hilfe, als wir an der nächsten Burg – Burg Wendelstein – vorbeifuhren und neugierig Stopp machten.
Alte, traurige Burg Wendelstein
Die Burg Wendelstein besitzt eigentlich eine wunderbare Anlage: Hoch über der Unstrut, klassisch zu erreichen mit Toreinfahrt und Burggraben, perfekt angelegt um einen Mittelplatz mit hohen, alten Bäumen. Und bewohnt – Tatsächlich!
Hinter Mauern mit großen Rissen, hinter blinden Fensterscheiben, zerbrochenen Treppenstufen, morschen, alten Holztüren waren Mieter eingezogen und gaben dieser Burg den Rest.
Autos standen kreuz und quer. Beleuchtungskörper waren da angebracht, wo man halt Licht brauchte.
Im Rest des historischen Gartens stand eine Wäschespinne, Kinderschaukel von Gesims zu Gesims, Spielplätze, Mülltonnen.
Zack, auch mal Briefkästen ran an den alten Stein – alles, was man so braucht in einem Wohngebiet.
Wir standen, schauten und waren ziemlich platt. Ich habe sie mir nicht verkniffen, die Bemerkung: „So sieht es aus, wenn eine Burg bewohnt wird.“. Ja, so Manches ist einfach nicht zu retten.
Naumburg ist ein Muss
Die letzten Tage dieser Reise gehörten Naumburg.
Abgesehen vom großen Bauernmarkt und der besten Knackwurst (heißt hier „Bratwurstring“), die ich je auf einem Markt gekauft habe, war der Dom wieder ein umwerfendes Erlebnis.
Auch in der Stadt Naumburg haben wir wieder Unbekanntes entdeckt, neue Wege erschlichen, neue Perspektiven erkundet und alles bei moderatem Besucherandrang.
Hier kann man wirklich mehrere Besuche einplanen: Über die Lettner im Langhaus, zum Domschatz, vom Kreuzgang in die Kirche und dann viel, viel Zeit im Domgarten.
Übernachten in Naumburg
Und wer außerhalb wohnen möchte, in sehr individueller Atmosphäre, direkt am Fluss, mit wunderschönen Wanderwegen in die Weinberge, bis zur Zusammenführung von Unstrut und Saale samt Fährverbindung von Ufer zu Ufer, zum Max-Klinger-Haus, am Steinernen Album vorbei, der möge sich eines der vier Zimmer in der Wein- und Sektkelterei bei Naumburg organisieren. So schön kann man wohnen, nicht zu viel versprochen.
So. Und wenn ihr dann alle dieser einmaligen Schönheit unserer Heimat gehuldigt habt, nach Reisen ins Vogtland, in den Harz, in den Spreewald, wenn ihr begeistert von den Radtouren ins Saale/Unstruttal schwärmt, dann, ja dann ist Zeit für Paris – eine Schönheit ganz anderer Art.
Drum hier mein Wunsch: Bleibt beweglich!


