
„Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
sie tragen einen weißen Flaus
und manche woll`n sie schießen.
Ich schieße keine Möwen tot,
ich laß sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und Kuchenrestenknebeln.
Oh Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.“.
Literaturempfehlung für den Herbst auf Rügen
Unser Spätsommer gibt dem Frühherbst die Klinke in die Hand. Die Tage werden merklich kürzer, die bereits abgedunkelten Stunden vor dem Abendessen sind die Besten, um mal wieder in alten Büchern zu schmökern.
Für rasch zu lesende Literatur mit Garantie auf gute Laune, inklusive angenehme Nachdenklichkeit, empfehle ich folgende Literaten: Christian Morgenstern (1871-1914) wurde bekannt durch seine humoristische Dichtung, gesammelt als die „Galgenlieder“, in denen besonders sein berühmter, liebenswürdiger und scharfsinniger Sprachwitz zu Wort kommt.
Lebensweisheit und kluge Betrachtungen über seine Mitmenschen tragen eine Ernsthaftigkeit, die tief berührt. Flott als Humoreske verpackt fühlt sich der Leser erkannt, am Kragen geschnappt und vor den Spiegel gestellt.
Gedichte von Christian Morgenstern
Morgenstern nannte seine Gedichte: „Spiel- und Ernst-Zeug“, Literatur der „Zwei-Gesichter“, die man leicht liest und doch nicht ganz so leicht verdauen kann. Als Beispiel seiner Sprachkomik sei hier genannt: „Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“.
Was Wunder, dass sich Joachim Ringelnatz (1883 – 1934) als Kabarettist und Maler zu ihm hingezogen fühlte und in seinen humoristischen Gedichten eine ähnliche, ernstzunehmende Lebensbetrachtung entwickelte.
„Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen
schenken.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
an einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.“.
Literatur mit Suchtpotential
Ob Morgenstern oder Ringelnatz, in dieser Literatur steckt Suchtpotenzial. Einmal beiläufig reingeblättert, spürt der Leser, wie ihn die Ernsthaftigkeit hinter den Humoresken packt, wie viel Wahrhaftigkeit vermittelt wird, und man liest weiter und weiter, findet sich, seinen Nachbarn, Bekannte wieder. Hat das Leben in den Händen, leicht verpackt. Und man glaubt ihnen jedes Wort. Doch – ein selten gewordenes Gefühl.
Ich bin sehr froh, dass sie beide, Morgenstern und Ringelnatz, ihren festen Platz im Bücherregal haben, ihre Lese-Zeit kommt immer wieder. Beide stehen in enger Nachbarschaft zu Wedekind, Kästner, Tucholsky – aber, das ist ein neues Thema.


