Die Tanne als Weihnachtsbaum

Blogger 2. Dezember 2018 Dezember 10th, 2018 Familiengeschichte, Göhren, Inselgeschichte(n), Rügen-Blog, Weisheiten

Kein Märchen vom Tannenbaum

Nein, das wird keine Geschichte, wie sie Hans Christian Andersen in dem Märchen vom Tannenbaum aufgeschrieben hat, gleichwohl sie sehr, sehr daran erinnern mag. An den kleinen Tannenbaum, der nach der Pracht des Weihnachtsfestes zu Brennholz auf dem Dachboden vertrocknen musste und nur noch seine Erinnerungen hatte.

Dies wird die Geschichte von unseren Tannenbäumen, von den vielen Generationen schön gewachsener Wundertannen, diese kleine Baumgruppe, die sich im Laufe der letzten 30 Jahren in nur unserer Familie angesammelt hätte, diese kleine Schonung, die unsere Nachbarn verbraucht haben, der kleine Wald, der noch da wäre, hätte nicht das ganze Dorf Weihnachtsbäume geschlagen, diese weiten Tannenwälder, hätte nicht die halbe Menschheit…usw. usw.

Gepflanzt, gezüchtet, gehegt und abgesägt

„Hör auf zu lamentieren“. sagt mein Mann, „dazu sind sie ja angepflanzt worden“ – gepflanzt, gezüchtet, gehegt und abgesägt. Ein Baumleben für die Heimdekoration, denn mehr ist es nicht.

Ein jahrelanges Wachsen für 6 Tage bunte Kugeln, Lametta und Kerzenlicht. Und dann: Erledigt der Fall.

Und nicht nur bei mir oder dem Nachbarn oder im ganzen Dorf – nein, in ganz Europa und darüber hinaus.

Das Ganze wäre mir nicht so durch den Sinn gegangen, wenn bei der letzten Weihnachtsbaumbeschaffung nicht Folgendes passiert wäre:

Wie üblich zogen wir an einem der letzten Wochenenden aus, in unserer Lieblingsschonung Weihnachtsbäume, gemütlich bei Glühwein, Plätzchen und vorweihnachtlichem Schwatz, ein Bäumchen auszusuchen. Doch, es war immer sehr nett dort. Man kannte sich inzwischen, wurde erwartet und hatten jedes Jahr den schönsten Weihnachtsbaum des Lebens.

„Das ist ja wieder eine Prinzessin“, sagte der Baumfällermeister, und wir nickten beglückt und ein bisschen dämlich. Wieso schlich sich damals nicht schon der Einspruch ins Gemüt: Seit wann sägt man eine Prinzessin kurz und klein? Nein, null Einspruch. Warum auch? Alle rundum schulterten ihren Weihnachtsbaum und schritten mit dem Gefühl davon, alles für ein gelungenes Fest getan zu haben. So auch wir. Allerdings mit Bäumchen, die in unser Wohnzimmermaß passten. Gleichmäßig gewachsen und schön. Eine Miniausgabe zu den Weihnachtsbäumen meiner Kindheitserinnerungen. Die waren haushoch und ihre Spitze reichte bis unter die Zimmerdecke. Und wir hatten hohe Zimmer!

Die Zweige waren breit und dicht, für mich, wie ein kleiner Wald. Oft habe ich mich einfach unter die Zweige gelegt, nach oben, zur Spitze geschaut, dorthin, wo Lichter aufgesteckt waren, Glöckchen bimmelten und seltsame Schatten an die Zimmerwände warfen. Meine Mutter schmückte diese Riesentanne immer mit Zuckerkringel. Die billige Massenware hing vorne, wo meine verfressenen Brüder sofort zuschlagen konnten, das feine Geleezeug hing ganz hinten, versteckt unter dichten Zweigen. In diese Lücke passte nur ich hin, das kleine „Marijellchen“, da war alles meins.

Weihnachtsbaumplantage der Neuzeit

Aber nun zurück zur Weihnachtsbaumplantage der Neuzeit. Glühwein getrunken, Plätzchen abgefasst, nach einigem Suchen das Zauberbäumchen des Jahres gefunden und markiert. Da stand ich nun und wartete auf die Motorsäge. Die kam, sah und mordete. Ja, anders kann ich es nicht beschreiben. Denn, als der Kettensägemann an dem Stämmchen meiner Wunschtanne ansetzte, ich beseelt daneben stand, ging ein Ruck durch das Bäumchen. Und ich glaubte meinen Augen und Ohren nicht, denn unter Wehklagen (jawohl, ich habe es gehört) ging ein Zittern durch diese kleine Tanne, sie schüttelte sich entsetzt, und fiel. Das Zittern sehe ich immer noch. Und höre den Kettensägemann, der mich anschaut und sagt: „Ist ein kleines bisschen wie Kindermord“.

Irgendwie war das zu viel für mich. „Verdammt noch mal“, dachte ich, „Was ist das hier eigentlich für ein Blödsinn“, wieso hacken wir, wie die Bekloppten, alle diese jungen, schönen Bäume kurz und klein?“.

Was soll ich sagen, die Heimfahrt verlief nicht ganz unproblematisch.

Mein Mann wurde in einer kurzen, knallharten Ansage davon in Kenntnis gesetzt, dass dies der letzte gemordete Weihnachtsbaum in unserem Leben gewesen ist. „Und wenn ich einen an die Zimmerwand malen müsste, egal, dann mache ich das – aber nie wieder stirbt wegen mir so ein kleines Bäumchen!“. So ein Ehemann ist Kummer gewöhnt, auch gekoppelt mit darstellender Dramatik, den bringt so schnell nix aus dem Tritt. Der sagte nur: „Na, dann sieh mal zu, Weihnachten kommt in jedem Falle wieder.“.

Weihnachtsbaum zum Zusammenschrauben und zum Auseinanderlegen

Ich habe zu gesehen. Ich habe einen Försterbruder. Der kann mit Wald und Bäumen und mit Holz.

Dem habe ich meine Sicht auf die Dinge geschildert.

Und, was macht der begnadete Waldläufer? Na?

Der machte mir einen Weihnachtsbaum. Aus Holz, zum Zusammenschrauben und zum Auseinanderlegen, jedes Jahr neu den Alten.

Herrlich. Was für eine geniale Idee.

Grün lasiert und mit Mulden für die Kerzen versehen ist er mein Glanzstück in der Weihnachtszeit. Und nun schaut mal hin, sieht das nicht wunderschön aus?

Nein – wegen mir stirbt nie wieder ein kleines Bäumchen.

Was denkt Ihr? Schreibt es uns!