Halloween-Geschichten von der Insel Rügen

„Süßes – sonst gibt’s Saures“

Ja, diese Drohung ist durchaus ernst gemeint!

Wer so eine Katzenhexe zu Hause hat, braucht  kein Gruselkostüm, beim dem ist täglich Halloween, jeder Katzenkenner weiß, wovon ich hier spreche.

Denn Katzen lassen sich nicht mit dem Handgriff in die Bonbonschale abspeisen, ihre Forderungen sind eindeutig und anderer Natur: „Leg Hand an, Mensch, gib Zuwendung, und mach das gefälligst so, wie ich es möchte!“. Was denn – die Katze nicht richtig verstanden?

Na, dann gibt’s Saures…

Eine Begegnung zu Halloween auf Mönchgut

(so oder ähnlich geschehen vor vielen Jahrzehnten)

Treffen sich Bauer Damp und Fischer Looks auf der Dorfstraße. Der eine kommt mit der „weiten wieden Büx“ vom Acker, der andere mit „de groden Schipperstävels“ von See, beide im Uraltkostüm der traditionellen, dem praktischen Leben der Fischerbauern auf Mönchgut, angepassten Volkstracht.

Fährt der Urlauber aus Duisburg vorbei, schaut neugierig die Beiden an und ruft ihnen zu: „Oh, macht ihr hier auch Halloween?“.

„Hello – wer?“, fragt Damp – kenne keinen „Wien“, und mit uns wird Platt gesnakt, nich up inglisch…

Die ursprüngliche Bedeutung von Halloween verschwindet

Ja, Recht haben die Beiden. Denn in dem Maße, wie uns am 31.Oktober, dem eigentlichen Reformations-Gedenktag, die Halloween Beutezüge der Kinder in Gruselkostüm überrollen, verschwindet nicht nur die ursprüngliche Bedeutung dieses heidnischen Brauches ins absolute Vergessen, sondern auch das historische Bewusstsein einer alten Volkskultur.

Noch vor wenigen Jahren konnte man registrieren, wie die Kinder mit kleinen Versen oder Liedern ihre Gaben erbettelten: „Ich bin ein kleiner Dicker und komm nicht an den Drücker, drum gib mir mal ne Mark, dann werd` ich groß und stark“.

Nun, die Mark ist Geschichte, die kleinen Verse aber leider auch. Jetzt wird nur noch kurz und knapp gedroht: „Süßes – sonst gibt’s Saures!“ Gnade, oh, Gnade möchte man angesichts der Familienhorde flehen, geht aus den Rabatten raus, stopft mir keinen Dreck in den Briefkasten, hier, nehmt, nehmt reichlich – aber geht!“. Und sie nehmen reichlich. ALDI-Tüten haben beträchtliches Fassungsvermögen.

Traditionelles Halloween auf Mönchgut

Wie aber war das eigentlich mit dem „Halloween“? Gab es so etwas Ähnliches auch bei uns auf Mönchgut?

Die Bewohner der Halbinsel Mönchgut haben ihre Sitten und Bräuche bis ins 20.Jh. gepflegt und bewahrt. In ihrer ursprünglichen, landschaftlichen Geschlossenheit blieben Fest – und Feierbräuche, Hausbau, die Sprache, das gesamte soziale Miteinander lange aktiv.

Vermutlich ist dies auch Ausdruck einer jahrhundertalten, schicksalhaften Verbundenheit von Mensch und Landschaft. Etliche Bräuche unterlagen so einer Gemeinschaftsordnung im Dorf, ausgerichtet auf Gesundheit und gutes Zusammenleben der Familien.

Wenn der Herbst kam, die Abende lang wurden und es beizeiten dunkelte, traf man sich oft in der Spinnstube oder auf der Diele, um sich die immer wieder gern gehörten Spukgeschichten und Sagen um Geister, Unterirdische, Klabautermännchen oder vom Nachtjäger auf Mönchgut zu erzählen. Es gruselte so schön, es war atemberaubend unheimlich.

Heischezüge auf Rügen

In diesen Jahreszeiten gab es die „Heischezüge“, ein Vorrecht der Jugend, bei denen Mädchen und Burschen in abenteuerlicher Verkleidung und mit rußgeschwärzten Gesicht von Haus zu Haus zogen, um einen Spruch aufzusagen und um Geld, Kuchen oder im Dorfalltag seltene, ähnliche Raritäten zu bitten.

Der Volkskundler und Museumsdirektor Fritz Adler beschreibt in seiner Landschaftsstudie über Mönchgut von 1936 einen der traditionellen Sprüche, die bei Heischegängen aufgesagt wurden:
„Fastelawend, Fastelawend!
Dese Deel is holl un voll. Vier Stieg Eier sün hier woll,
twei davon in mine Kiep, de Frau ward selig un ick ward riek.“

Abgesehen von den eingesammelten, nützlichen Naturalien hatten diese Bräuche den Hintergrund, böse Mächte abzuwehren sowie die Glück und Gedeihen fördernden Kräfte an sich zu binden.

Viel könnte man darüber erzählen, Sagen und Spuk – und Hexengeschichten sind Zeitzeugen eines tiefverwurzelten Volksglaubens – fragt man sich dann aber: was hat diese Geschichte mit dem heutigen Klamauk vom Halloween zu tun? Die Antwort macht ratlos.

Fragt man sich aber: was hat Halloween eigentlich mit uns zu tun? – macht die Antwort zornig.

Was denkt Ihr? Schreibt es uns!