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Lüttenweihnachten: ein Weihnachtsfest für die Tiere

Vorbereitungsarbeiten für Lüttenweihnachten auf Rügen

Irgendwie brauchen wir das, auf eine eigenartig anheimelnde Weise gehört es bei uns dazu, dieses „Kleine-Weihnachten“ für die Tiere im Wald.

Kurz vor Heiligabend sitzen alle verfügbaren Familienmitglieder rund um den Küchentisch, hören Weihnachtsmusik – auch mal in der Variante „Irische Balladen“ – und sind eifrig am Schnippeln und Schneiden.

Da werden Naturgarne abgemessen, Möhren, Äpfel und Kohlstücke in handliche, besser, in maulgerechte Stücke geschnitten, Löcher durchgebohrt, einzeln aufgefädelt und im Rucksack verstaut. Noch ein Schluck Kaffee und dann geht es ab.

Wir haben es nicht weit, der Wald liegt vor der Tür und wir kennen die Wildpfade der vierbeinigen Bewohner im Göhrener Hövt – der südöstlichsten Landspitze der Insel Rügen.

Wo wollen wir hin mit einem Rucksack voller aufgefädeltem Grünzeug?

Na, so, wie in jedem Jahr wenige Tage vor dem Weihnachtsfest sind wir im Wald, um die Tiere zu beschenken. Wir suchen uns eine kuschlige Lichtung, Bäumchen, Äste, Wurzeln umgestürzter Bäume, und verteilen unsere Futtergaben an die Wildbande. Einige kennen wir, von den meisten der Anderen werden wir still beäugt, das weiß ich.

Immer den Tierpfaden nach

Und wir wechseln immer mal das Terrain. Diesbezüglich haben wir Erfahrung und unsere Beobachtungen gemacht. Manchmal hängen unsere „Weihnachtsgeschenke“ wochenlang, bereits ausgedünnt, an den Ästen, manchmal ist alles bald weggefuttert.

Der Futterplatz muss gut ausgesucht werden, auf keinen Fall zu dicht an der Peripherie der menschlichen Wanderer, darauf achten wir.

Lüttenweihnachten – Dürfen wir das?

Was ist nun das „Anheimelnde“ an der ganzen Aktion? Warum macht dieser Gang in den Wald uns so eine Freude? Dürfen wir das überhaupt?

Fangen wir mit dem Letzten an: wir haben natürlich nicht gefragt. Nicht den Revierförster und nicht den Pastor. Förster geht in Ordnung, wir machen ja nichts kaputt im Wald, wir klauen keine Bäume und stellen keine Fallen – wir füttern zu.

„Lüttenwiehnacht“ – ein heidnischer Brauch?

Dem Pastor allerdings könnte dieser alte Brauch schon eher nicht so recht schmecken, denn immerhin kollidiert „Lüttenwiehnacht“ mit der Grundidee des Weihnachtsfestes und der Kirche.

Jesus Geburt, die Weihnachten gefeiert wird, hat wenig zu tun mit unserem Rucksack voller Obst und Gemüse.

Ist „Lüttenwiehnacht“ ein heidnischer Brauch? Ehren wir nicht, wie es angemessen wäre, das Christkind in der Krippe, sondern huldigen wir den Tieren im Wald?

Und wir sind weder die Einzigen noch die Ersten

„Moment!“, sagt mein Mann, „Immer mal eins nach dem anderen.“ und dann holt er die alte Erzählung von Hans Fallada hervor und wir lesen gemeinsam die rührende Geschichte von den drei Bauernkindern, irgendwo in Norddeutschland, über ihre Begegnung beim „Lüttenweihnachten“ mit dem Förster Rotvoß.

So viel sei hier gleich gesagt: die Geschichte geht gut aus. Und deshalb machen wir weiter, jedes Jahr. Und da sind wir bei der anderen Frage: Aber warum? Was macht uns daran so eine Freude?

Lüttenweihnachten – Die Freude an der Freude der Anderen

Weil wir geben. Weil wir uns um Andere kümmern. Weil wir Freude bereiten und Leben erhalten. Weil wir unseren Wohlstand teilen und Zuwendung weiter tragen.

Wir machen genau das, was alle Welt zum Weihnachtsfest gegenseitig und untereinander praktiziert, wir tragen die Grundidee dieser Feiertage zu den Tieren in den Wald, in kleinen Schritten.

Füttern auch im heimischen Garten

An unserer Vogelfutterstelle im Garten ist jeden Tag Weihnachten. Die bunte Schar Gartenvögel schätzen wir, im groben Überblick, auf paar Hundert und es werden vermeintlich ständig mehr. Die können gut etwas wegpicken!

Die Futterzufuhr erfolgt zuverlässig und reichlich, die Zweige am Futterplatzbaum biegen sich verdächtig, wenn der Schwarm – wenn einer der Schwärme – landet.

„Da sitzen sie wieder, deine Flug-Möpse.“, sage ich dann mit Blick auf meinen Mann, wie er vergnügt seine gefiederte Meute begutachtet und sehe, welchen Spaß er an dieser Futteraktion hat.

Was da passiert, ist noch kleiner als „Lüttenwiehnacht“, das ist einfach eine Geste der Zuwendung an dankbare Piepmätze. Und dies nicht nur zum Fest, sondern jeden Tag, den der liebe Gott werden lässt.

Ein Wunsch zur Lüttenwiehnacht

Wäre schön, wenn der Geist vom Weihnachtsfest, wenn sich diese, auf 3 Tage komprimierte, weltumspannende Aktion des Gebens, des sich Zuwendens, dieses freudige Miteinander ein bisschen aufteilen ließ auf alle die anderen Tage im Jahr.

Denn, kein Zweifel, Schenken macht fröhlich. Auf beiden Seiten, das sehe ich jeden Tag an unserer Vogelfutterstelle, an dem fröhlichen Gesicht meines Mannes und das spüre ich im Herzen. Diese freudige Wärme im Oberbauch bräuchte die Welt öfter, nicht nur zur Weihnachtszeit. Oder an „Lüttenwiehnacht“.

Hermann Hesse: In Weihnachtszeiten (1921)

Winternacht
Feuerzungen flackern im Kamin,
vor den Fenstern Grau und Flockenfall,
durch die müde Abendtrauer hin
zuckt verflogener Sommer Widerhall.

Meiner Kindertage denk ich nun,
lang vergessener Märchenton erwacht:
Glocken läuten und auf Silberschuhn
Geht das Christkind durch die weiße Nacht.