Von Einem, der auszog, das Fürchten zu lehren…

Blogger 1. Februar 2019 März 7th, 2019 Fundstücke, Göhren, Inselgeschichte(n), Jagd, Rügen-Blog, Streifzüge, Tiere

Mein Nachbar der Jäger

Mein Hausnachbar ist ein Jäger, das hat er sich vielleicht zu Anfang gar nicht ausgesucht, wer weiß, denn das ist man nicht einfach so, das wird man. In erster Linie in Tradition und Berufung. Sein Vater war schon einer und seine ganze Ursippe im Mönchguter Land ohnehin – also wurde er auch einer.

Jäger sind mitnichten nur am Jagen. Sie tragen eine erhebliche Verantwortung für den Wildbestand im Revier, für Aufzucht, Pflege, Haltung. Und dies nicht nur für Vierbeiner, nein, auch das Federvieh steht unter Beobachtung und Beschuss, ja, kann man nicht anders sagen. Ich weiß das, denn ich sehe ihn fast täglich, wie er bei jedem Wetter, zum Streifzug oder zur Kirrung im Waldgebiet verschwindet.

Und Gnade Gott es ist Vollmond, dann sind Hund und Herrchen schon bei Einbruch der Dunkelheit am Rumwuseln – und zack – weg sind sie. Wie er diese Nachtstunden mit Hund auf dem Hochsitz verbringt, ist mir rätselhaft. Ich kann ihn auch nicht mehr fragen, denn ehe sie wieder zu Hause sind, liegt der Normalbürger schon lange im Schlaf des Gerechten.

Mein Jägernachbar ist ein umgänglicher Kerl, manchmal sogar unerwartet witzig hat er einen guten Sinn für Kunst, Bücher und Bier. Keine schlechte Mischung. So weit, so gut. Aber, irgendwie haben Jäger in ihrem Gefühlsleben ein Leck, kann ich nicht anders sagen. Mein Nachbar hat für meine Begriffe ein gestörtes Verhältnis zum Töten, nicht zum Leben, nein, da ist alles in Ordnung. Aber das Töten geht ihm mit einer gewissen Selbstverständlichkeit von der Hand, die mich schaudern lässt. Und diesbezüglich fasse ich meinen Jägernachbarn mit spitzen Fingern an.

Warum erzähle ich das? Weil ihm unlängst im Wald etwas passierte, was wohl einmalig ist und unbedingt im Zusammenhang berichtet werden muss, ich gebe mal weiter in freier Rede nacherzählt:

Runde durchs Mönchguter Revier

Wieder einmal machte unser Jägernachbar seine Runde durchs Revier. Es lag nichts Besonderes an, das Wetter war ruhig, die Waldwege auch, Wandersleute waren um diese Jahreszeit kaum zu erwarten und mit der Aussicht auf ein unaufgeregtes Ausbringen von Mais und Getreide an den Kirrungsplätzen, zog Waldfrieden in die Jägerseele. Der Hund durfte von der Leine, zog witternd neben ihm von Wegesrand zu Wegesrand und wenn man sich dieses Bild vergegenwärtigt – Hund mit glücklicher Nase, der Hundeherr mit Kirrungseimerchen in der Hand – war es wohl eine Bilderbuchidylle für die Jagdzeitung. So erledigten die beiden ihre Aufgaben an diesem ruhigen Tag und alles hätte so friedlich bleiben können. Bis plötzlich der Hund aufgeregt begann, Witterung aufzunehmen, wie wild stiebte er durchs Unterholz und am Standlaut erkannte sein Herr, dass hier etwas anders war, als gewohnt. Und eher er die Situation komplett durchschauen konnte, war sein Hund, schnell wie der Blitz, in einigen Metern Entfernung hinter den Bäumen verschwunden. Sein Herr und Meister, so schnell er konnte, hinterher!

Kampf mit einem Wildschwein

Und dann sah er es: sein Hund hatte ein Wildschwein gestellt, einen Überläufer, das erkannte er sofort auf die Entfernung hin – warum aber rannte das Tier nicht davon? Warum flüchtete es nicht? Weil es nicht mehr rennen konnte. Ein Vorderlauf war schwer verletzt und vermutlich hatte das Schwein dort unter einer Fichte im Kessel gelegen. Laufen konnte es nicht mehr richtig – an Flucht nicht zu denken, also: Angriff ist die beste Verteidigung, dachte sich das Wildschwein und nun begann der wilde Kampf zwischen ihm und dem Jagdhund, der nicht locker ließ.

Und tatsächlich gelang es dem Hund, das Wildschwein zu packen und festzuhalten, denn nun, nun musste er doch kommen, sein Meister, der Jäger!

Er hatte alles getan, was zu seiner Aufgaben gehört – jetzt, Jäger, jetzt bist du dran! Nun mach schon, Mann!

Und unser Nachbar stand da, kein Gewehr dabei, nur ein kleines Schweizer Taschenmesser und den fast leeren Eimer von der Kirrung in der Hand, und vor ihm das Wildschwein, festgehalten von seinem Hund, rasend vor Angst, Wut und Schmerz.

Was nun tun, was blieb ihm übrig? Jetzt musste es schnell gehen, er suchte sich einen passenden Knüppel und zerdrosch nicht nur diesen, sondern auch den nächsten handfesten Ast auf dem Schädel des Wildschweins, um es zu betäuben. Was nach aufregenden, langen Sekunden auch gelang. Da lag denn das Stück Wild, besinnungslos auf dem Waldboden, der Hund lag wachsam direkt daneben, um eingreifen zu können, wenn das Tier sich bewegen sollte. Und er beobachtete nicht nur das von ihm zur Strecke gebrachte Wild, nein, ein schräger Blick ging auch hoch zu seinem Herrn. Zum ersten Mal hatte er gesehen, wie sein Jägerherr mit dem Knüppel ein Wildschwein erledigt – ohne Gewehr, wie er es doch kannte und gewohnt war. Wie gut, dass nicht gleich in den Hundeaugen zu lesen war, was er wohl in diesem Moment von seinem Herrchen gedacht hat…

Und nun stand Herrchen da, mit dem Fuß auf dem Schwein, unter absoluter Beobachtung des Hundes, der jede Bewegung der Beiden nicht aus den Augen ließ.
Was macht ein Jäger im Wald, ohne Gewehr, ohne Jagdwaffen, mit einem betäubten Überläufer vor der Nase? Er fummelte – na? – nach dem Handy.

Was blieb ihm anderes übrig. So rief er seinen nächsten Jagdkollegen, schnellstens zu kommen, um hier, im Waldrevier, ein Wildschwein zu schießen, das unter seinem Fuß betäubt da liegt, vom Hund bewacht, von ihm behütet, denn er wäre nur zur Kirrung unterwegs gewesen und hätte nichts als ein Taschenmesser dabei…

Kurz, natürlich war der Jagdkollege sofort zur Stelle, um das Wildschwein zu erlösen und natürlich um diese unglaubliche Szenerie zu kommentieren. Und eins ist klar – was die Hundeaugen an Unverständnis nur ausdrücken konnten, das hat der andere Jäger reichlich zum Besten gegeben, darauf kann man sich verlassen, und alles ohne einen Funken Jägerlatein!

Fast hätte ich es auch nicht geglaubt, aber, mein Jägernachbar hatte die Nerven und auch die Zeit zum Fotografieren und konnte selbst die wilde Begegnung zwischen Hund und Wildschein dokumentieren.

„Tja“ sagt er zu mir in seinem unverwechselbaren Freude an der Spöttelei, „tja – das erlebt nur einer, der in der Natur unterwegs ist, sich in Streifzügen der Natur stellt, das erlebt keiner, der immer nur am Computer sitzt“ und dabei klopft er mir gönnerhaft auf die Schulter.

Soll er ruhig ein bisschen gönnerhaft sein, das ist durchaus von zwei Seiten zu betrachten: denn ich gönne mir immerhin in ziemlich regelmäßigen Abständen durch meinen Nachbarn, den Jäger, das beste und gesündeste Fleisch, das man sich denken kann. Und für diese Leckerbissen, für diese besonderen Braten- und Wurstsortimente kann ich nur danken, was an dieser Stelle mal gesagt werden sollte – danke, Meister.

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