Des Bettlers neue Kleider im Museums­hof Göhren

Das muss jetzt mal gesagt werden

Dieser Beitrag ist Schnee vom ver­gangen­en Jahr, genauer, es geht um Weih­nachten. Da aber eine Wieder­holung der Ge­schichte sehr wahr­schein­lich ist, habe ich mich ent­schlossen, sie als Lese­stoff auf­zu­arbeiten. Das muss jetzt mal ge­sagt werden.

Denn auch unter Berück­sichti­gung, dass die Weih­nachts­zeit eine sehr Emotionale ist und – besonders, was die stimmungs­volle Deko­ration an­geht – die Grenzen des guten Ge­schmacks arg strapa­ziert werden können, muss man nicht bis auf das Äußerste gehen.

Ein Beispiel Mönch­guter Sied­lungs­ge­schichte

Mitnichten so in meinem Heimat­ort (Göhren auf Rügen für alle, die es noch nicht wissen sollten). Da können die Grenzen des Mit­einanders nicht oft genug aus­ge­lotet werden. Ein Bei­spiel: Wir verfügen in unserem Bade­ort neben zahl­reicher Hotel­an­lagen, die effektiv, ge­sichts­los und be­liebig sind wie an allen Küsten dieser Welt, über eine kleine, einzig­artige Oase der Be­sonder­heit – den Museums­hof Göhren.

© MV-T/Gohlke

Hier handelt es sich um eine Wohn- und Wirt­schafts­ein­heit aus dem 16. Jahr­hundert, die nahe­zu un­ver­ändert, unter Denk­mal­schutz und musealer Nutz­ung, das ur­sprüng­liche Leben einer Mönch­guter Fischer­bauer­familie über Gener­ationen dar­stellt.

Bis es kürz­lich weih­nachtete

Ein Kleinod in diesen Zeiten, ein authen­tisches Stück Ge­schichte der Halb­insel Mönch­gut, ge­wachsen, ge­pflegt, ge­nutzt, be­hütet und in den letzten 200 Jahren respekt­voll be­wundert – alles, wie früher. Wo hat man das schon?

Wer noch zu der Generation zählt, die Märchen ge­lesen hat, kennt vielleicht die Geschichte von „Des Kaisers neue Kleider“ (Hans Ch. Andersen), in der von Eitel­keit, Selbst­täuschung und die Be­deutung von kritischem Denken, sowie von Mut an der Wahr­heit er­zählt wird.

Ich stehe in der Vor­weih­nachts­zeit vor dem oben be­schrieben histor­ischen Bauern­hof und denke, mich trifft der Schlag. Nach einigen thera­peut­ischen Atem­übungen fiel mir dann sofort das Märchen ein vom be­kannten dänischen Geschichten­er­zähler ein, aber warum?

Wer hat die Geschichte geputzt?

Weil dieser alte, ehr­würdige Ort Mönch­guter Sied­lungs­ge­schichte im Ost­see­bad Göhren vor­weih­nacht­lich ver­schandelt worden ist: Das Bauern­haus, der Stall, die Kübbungs­dielen­scheune (ein­malig auf der Insel Rügen) über und über mit Lichter­ketten be­hangen!

Doch damit nicht genug – der auf­ge­stellte Tannen­baum hinter buntem Plunder versteckt. Er sah aus, wie aus einer Motten­kiste her­vor­ge­holt und zwar aus einer von der vor­letzten Klein­messe. An alte Acker­geräte hatte man bunten Blöd­sinn montiert und das nicht nur dort, sondern auch frontal vor dem musealen Wohn­haus, eines der Letzten auf der Halb­insel Mönch­gut.

Was sich bei Ein­bruch der Dämmerung auf dem Museums­hof von Göhren ab­spielte, muss man er­lebt haben. Denn dann er­strahlte das ganze Ge­lände im Lichte un­zähliger Lichter­ketten:

An den Rohr­dächern ent­lang, kletterten sie am histor­ischen Gebälk em­por und machten aus diesem Bei­spiel gelebter Geschichte ein kleines Las Vegas. An einer Ecke der uralten Fach­werk­wände hopste ein Weih­nachts­mann, als farbige Licht­projektion, immer hoch und runter, als wäre er wahn­sinnig ge­worden. Ich habe ihn gut ver­standen.

Bedauerlicher Weise gibt es kein gutes Abendfoto zu dieser respektlosen, geschmacklosen Entgleisung, die Linse wäre mir fast geplatzt.

Märchen­weis­heit und Zucker­stangen aus Dänemark

Ich hatte Mühe, diese rot­weiß­ge­streiften Krück­stöcke als Deko­rations­pen­dant zu dän­ischen Zucker­stangen zu identi­fizieren, die in un­ver­ständ­lich un­be­kümmerter Menge auf dem Museums­hof ver­teilt worden waren.

Neben mir stand ein Ur­lauber­paar, das sich ratlos fragte, ob hier Fasching ge­feiert worden sei… Nein, leider kein Faschings­witz, der geht vorbei.

Dies war der an­schau­liche Versuch, einem Bettler bunte Kleider an­zu­ziehen. Einem ehr­würdigen Gemäuer, alt wie ein Baum mit farbiger Makulatur ein neues Ansehen zu ver­schaffen, gänzlich ohne Fein­gefühl und sehr weit ab von gutem Ge­schmack und gesunden Menschen­verstand.

(Mein Blogbei­trag über den Aus­ver­kauf der Insel Rügen zeigt leider deut­lich, dass „Ver­schön­er­ungen“ im Ost­see­bad Göhren noch viel größere Dimensionen an­nehmen können.)

Die Moral der Geschichte vom Museums­hof Göhren

Und die Moral von der Geschichte? Da war ich dann doch wieder beim Märchen von Hans Ch. Andersen: Bei dem Versuch, Wahr­heiten zu ver­schleiern und Dinge vor­zu­täuschen, die alles andere sind als die Wirklichkeit.

Dies als Moral zu der Geschichte. Andersen hat das fein hin­be­kommen. Anders hier in meinem Heimat­ort, in dem auf billige, plumpe und bunte Art vor­ge­täuscht wurde, was nicht ist.

Und das hat mich am meisten erbost, diese billige Art. Auch dafür gibt es ein Wort. Früher sagte man, wenn etwas gänzlich un­ange­messen aus dem Ruder lief, der Esel aufs Eis tanzen ging oder man die Boden­beständig­keit ver­lor: Das ist „Bauern­prunk“. Wurde nicht ganz ohne Ver­acht­ung ge­braucht, zu­ge­geben, aber, vielleicht sollte darüber mal nach­ge­dacht werden.