Die komische Seite der Corona

Die Oma mit dem Schnutenpulli

Kürzlich hatte ich einen wichtigen Gang zu unserem zugeordneten Geldinstitut zu erledigen. Die Schalteröffnungszeiten sind minimal begrenzt und es war nicht verwunderlich, dass sich bereits Kunden im Wartebereich befanden, korrekt im Corona-Abstand voneinander und alle mit „Schnutenpulli“. Alle?

Die alte Dame hinten in der Ecke nicht.

Kampf mit dem Mund-Nasen-Schutz

Die befand sich in heftiger Auseinandersetzung mit Einkaufstasche, Krückstock und ihrem Mund-Nasen-Schutz. Auch eine alte Dame hat nur zwei Hände. Und die versuchten offensichtlich, die angesagte Koordinierung zu meistern.

Mir war diese alte Frau bekannt. Schon beim Betreten des Raumes hatte ich ganz spontan gedacht: „Du meine Güte, die lebt ja immer noch…“.

Sie hatte sich, über Jahrzehnte, erfolgreich den Ruf eines alten Drachens, einer Meckerziege erster Güte erworben. Generationen heranwachsender Jugendliche könnten ein Lied davon singen. Und so – ich gestehe – schaute ich mit einem Anflug von Schadensfreude dabei zu, wie besagte alte Dame sich zwischen ihrer Ausgehuniform und dem Mundschutz immer mehr verhedderte.

Offensichtlich hatte sie aus dem Nachlass ihres Ehemanns ein riesengroßes, kariertes Taschentuch zum corpus delicti erklärt, das Tuch ordentlich in Falten gelegt und mit so reichlich Schlüpfergummi versehen, dass es auch um den Frauenbauch gepasst hätte. Ach, hätte sie doch nur mal zu Hause, vor dem Spiegel geübt, denn was sich jetzt im ahnungslosen Schalterbereich abspielte, war ganz großes Theater.

Sie legte sich das Gummiband mehrreihig um den Kopf, immer dabei bedacht, das Buntkarierte nicht zu verlieren, und schob so das plissierte Herrentaschentuch mal in Gänze über die Brille, trug es keck als Zipfelmützchen, als Kapuze oder, was mich besonders beeindruckte, leicht schräg verknotet in Cowboy Pose.

Der Krückstock hatte sich inzwischen lang gemacht, Einkaufstasche langweilte sich in der Ecke. Nicht so wir Beobachter. Wir verfolgten gespannt, wie diese Vorstellung enden würde. Keiner dachte an Hilfe. Alle eher an: „Das hat’se nun davon, diese böse Person!“.

Und dann begann die Oma plötzlich zu kichern. Sie guckte unter ihrem Taschentuch hervor zu uns und gluckse und kicherte.

Ich dachte: „Ist ja wohl so ein bisschen, wie Fasching im Altersheim, wenn du wüsstest, Oma, wie Du aussiehst…“, denn inzwischen hatte sich das karierte Stück Stoff hinter ihrer Brille verkeilt und lag schräg im Gesicht, wie eine Augenklappe.

Und wie ich das noch denke, steigt in mir eine Fröhlichkeit auf, die, weit ab von Schadenfreude, mich nun auch loskichern lässt. Das Ganze ist einfach zu komisch.

Oma kichert zischelnd immer lauter, sie hat den Kampf um Mundschutz-Platzierung aufgegeben, sie steht einfach da und lacht, über sich, über die Situation und vielleicht auch über uns. Wir, die da akkurat mit „Schnutenpulli“ rumstehen und ihr wortlos zusehen. Keine Ahnung, was sie wohl über uns gedacht hat, vielleicht: „Wenn ihr wüsstet, wie ihr ausseht…“.

Inzwischen lachen alle. So laut, dass die Mitarbeiterin vom Schalter fragend durch die Tür guckt. Ich fummel der Oma fix das Taschentuch vom Auge und sie grinst mich fröhlich an: „Halt Abstand, Mädel“, sagt sie zu mir (ich bin als „Mädel“ in Rente), „Hätte doch nicht gedacht, dass Corona so komisch sein kann!“.

Lachen ist Medizin!

Da wird mir doch unbehaglich – Corona komisch? Eine Gedankenverbindung, die wohl nur abseits von Gut und Böse entstehen kann – oder in einem Lebensalter, das fast nicht mehr von dieser Welt ist.

Immerhin, die alte Dame hat es uns gezeigt: Lachen ist Medizin!

Und sei es nur gegen Schadenfreude oder keifende, alte Weiber.

P.S. Ich konnte schlecht ein Situationsfoto machen, deshalb ist aus der Erinnerung die kleine Skizze entstanden.

Was denkt Ihr? Schreibt es uns!