Besonderer Gottesdienst auf Rügen

Blogger 15. September 2019 September 30th, 2019 Göhren, Inselgeschichte(n), Kultur, MV, Rügen-Blog

Bachkantate in der Göhrener Kirche

Unser Ort Göhren feierte am Sonntag, den 22.September, einen ganz besonderen Gottesdienst: „Erschallet ihr Lieder“ – Bachkantate in der Göhrener Kirche, organisiert und auf die Beine gestellt von der Kantorin Barbara Hesse und dem Projektchor / Musiker „Nord-Süd-Ost-West“.

Rappelvolle Kirche

Die Sonne strahlte mit der Musik und den wunderschönen Chorstimmen um die Wette, die Kirche war rappelvoll, die Letzten drängten sich auf die Empore zur Orgel. Was nicht unbedingt eine schlechte Sitzvariante war, die Akustik war umwerfend, der Blick auf die „Bühne“ so gut wie frei.

Mein Platz war genau am oberen Teil eines der großen Kirchenfenster, ich konnte, durch bunte Butzescheiben hindurch, sogar den Blick aus der Vogelperspektive und auf ganz ungewöhnliche Göhrener Ecken genießen.

Vor mir saß eine junge Mutti mit ihren beiden Kindern. Das Kleinste hatte sie quasi unter den Arm geklemmt, weil sie nebenbei und von oben ihren Musikermann per Handy filmen wollte. Das andere, ein vielleicht 7-jähriges Mädchen, war neben ihr.

Dieses Mädel hatte ganz offensichtlich „Pfeffer im Hintern“. So hieß es früher in unserer Familie, wenn Jemand nicht still sitzen konnte. Eigentlich saß sie überhaupt nicht. Sie kletterte auf und unter den Stuhl, auch dahinter und darüber, sie transportierte ihn von rechts nach links und ignorierte fachmännisch die mütterlichen Ermahnungen.

Die Mutter gab bald auf, das Mädel dem Stuhl sukzessive den letzten Rest.

Der Kirchenmusik lauschen

Ich hatte beschlossen, die Musik zu genießen und dabei auch diesen kaleidoskopischen Blick durch bunte Kirchenfenster, ich war die Ruhe selber. Da beobachtete ich einen alten Mann, der langsam um die Kirche herum kam und seine Schritte nach Gehör und nach der Musik setzte.

Er blieb andächtig stehen, sah sich um, bemerkte einen großen Stein am Wegesrand und ließ sich nieder. Da saß er, völlig unbeweglich, wie ein Denkmal, den Kopf lauschend geneigt. Ich empfand die Situation als günstig.

Ich sammelte das quirlige kleine Mädchen unter dem Stuhl hervor, zog sie so nah an mich heran, dass sie den andachtsvollen Opa da draußen erkennen konnte und flüsterte ihr zwei, drei kleine Sätze ins Ohr.

Danach saß sie so ruhig, wie es ihr möglich war, die Nase an die Kirchenfenster gepresst, um den alten Mann beobachten zu können und nichts, rein gar nichts, störte mehr die Kantaten-Musik.

Die Mutter sah mich sehr schräg und sehr misstrauisch an, griff aber nicht ein, denn der Erfolg gab mir Recht.

Als wir zum Ausgang gingen, fragte sie mich, auf welche Weise ich ihre Tochter derart zur Ruhe gebracht hätte. Ich habe geantwortet: „Nur geflüstert“. Was absolut der Wahrheit entsprach.

Was hatte ich geflüstert?

Was ich dazu flüstern hatte, wollt ihr wissen?

Nun, ich habe dem kleinen Mädel den alten Mann gezeigt, der da draußen auf dem Stein so regungslos saß, um zu hören.
Und ich habe ihr geflüstert, dass dies ein Musikzauberer sei, der Töne nicht nur hören sondern auch sehen kann, man müsse nur ganz still sitzen, so regungslos, wie er.

Dann sieht man die Töne kommen. Drinnen in der Kirche natürlich noch besser, als draußen auf dem Stein, aber, er ist zu spät hier angelangt, er muss vor der Kirchentür sitzen bleiben. Wir haben Glück, wir haben einen Platz in der Kirche, wir sitzen ganz still und sehen die Töne kommen…

Wie gesagt, ein ganz besonderer Gottesdienst – auch am Rande.

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