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Das kleine Marlchen malt – Leben in der DDR

„Westpaket“ zu Weihnachten

Meine früheste Erinnerung an Malen und Zeichnen beginnt mit einem „Westpaket“ zu Weihnachten. Ich war acht oder neun Jahre klein, lag auf dem Teppich unterm Weihnachtsbaum und kopierte stundenlang tanzende Beine auf den bunten Bildern einer („West“) Kaffeebohnen-Tüte.

Meinem Vater ging das Zeichenpapier aus und er spendierte mir eine Tapetenrolle, auf deren heller Rückseite ich nun Beine am laufenden Meter zeichnen konnte. Keine Blumen, keine Tiere, immer nur Menschen. Gesichter, Hände, Körper in Bewegung, das war es, was mich interessierte.

Erst zeichnen, dann nähen

Und da ich mit einer Mutter aufgewachsen bin, die entweder an der Näh- oder an der Strickmaschine saß, war die Verbindung vom gezeichneten Body zum genähten Modellkleid, zum Entwurf der ersten „Schlaghose“ mit Kellerfalte, zum Strandwickelkleid, zum Hosenrock eine logische Folge dessen.

Einmal hatte mir die Mutter einer Schulfreundin ein Stück von dem wunderschönen, dunkelgrünen Seidentaft geschenkt, übriggeblieben vom Gardinennähen. Ich wusste sofort, beim Befühlen dieses feinen Gewebes, was man daraus nähen müsste. Lief nach Hause und malte das Modell einer ganz einfachen Bluse auf, die diesem feinen Stoff gerecht werden könnte.

„So eine Bluse willst du haben?“, fragte meine Mutter und: „Na, denn mach mal.“. Schon saß ich an der Nähmaschine und war noch nicht zehn Jahre alt.

Modegestalten

Von Stund` an war dies ein Prozess, wie am Laufband: Stoff besorgen, Modellzeichnung dazu und den Schnitt „ausradeln“, was meist meine Mutter machte, denn meine Bekleidungsmodelle waren ja erst in der Fantasie und dann auf handelsüblichem Papier zu finden. Wir mussten oft sehr einfallsreich ändern und ergänzen.

Das machte am meisten Spaß. Meine Erfindungen waren pfiffig und originell, sollten aber immer praktisch zu nutzen sein und wurden als „Probestück“ zuerst an den Puppen ausprobiert. So entstanden Wickelkleider und Röcke, Overalls, verrückte Kimonos, Latzhosen und Oberteile mit raffinierten Rückenabschlüssen, weil die am einfachsten beim Puppenanziehen zu bedienen waren.

Mein bemaltes Tagebuch

Die Illustrationen, gezeichnet im Teenager-Tagebuch von 1965, geben auszugsweise Einblick in meine Welt: schreiben, malen und nähen. In dieser Dreifaltigkeit war ich rundum glücklich. Und meine Zukunft schien sonnenklar, ich konnte gar nicht anders, ich musste Modegestalter werden.

Aber, das Marlchen denkt und die DDR lenkt

„Stopp“, sagte der damalige Schulleiter zu meinen Zukunftsplänen und die gut gelungene Arbeit, mein Linolschnitt zum Thema „Vietnam-Krieg“, mit dem 1. Preis im Kreiswettbewerb ausgezeichnet, landete in der Schublade, weil ich im selben Jahr (trotzig) zur Konfirmation ging. Meine Zeichenlehrerin weinte, ich war zu jung und zu leichtsinnig, um ihre Tränen ernst zu nehmen. Außerdem hatte ich andere Pläne, ich wollte ja Modegestalter werden. Wieder daneben gedacht. Prinzessin werden, wäre einfacher gewesen.

Berufung ist nicht gleich Berufsfindung

Um Textilgestaltung studieren zu können, brauchte ich zwingend eine Facharbeiterausbildung als Bekleidungsnäherin, ich musste Schneiderin werden. Kein Problem für mich, sehr gerne.

Aber, zu der damaligen Zeit (in der DDR) waren bestimmte Berufe (Schneider gehörte dazu) den Schulabgängern bis zur 8. Klasse vorenthalten, ich war bereits in der 9. Klasse und mit meinem Wunsch, Schneider zu lernen, gänzlich chancenlos.

Meine Eltern versuchten, mich in Bekleidungswerken der ganzen DDR unterzubringen, aber, Gesetz ist Gesetz. Ohne Schneiderausbildung kein Modegestalter. Aus der Traum, das war`s. Ich hörte sofort auf, zu malen.

Nähen als sinngebendes Hobby

Viel später, in Leipzig, auf dem Weg zur Ausbildung als Museologe und dann Ethnographie, entdeckte ich ein sehr ungewöhnliches Stoffgeschäft, in dem schönste Baumwollreste, Trikotware, Jeansstoffe zu bekommen waren. Auch beste Schnittmuster vom „Verlag für die Frau“. Diese Symbiose machte mich nicht nur zur glücklichen Heimnäherin, sondern versöhnte mich auch mit der mörderischen Großstadt. Mein permanentes Heimweh schlug sich in den Bänden der Tagebücher nieder, die ich weiterhin vollschrieb – illustrierte und vollzeichnete. So stürzt man sich durch die Lebensjahre.

Entdeckung des Aquarells

Wieder sehr viel Jahre später, als ich den Nachlass meiner Freundin sortieren musste, fand ich ein reichliches Sortiment Aquarellpapier, Pinsel und Farben. Mit diesem Thema hatte ich mich noch nie beschäftigt, ich hatte überhaupt keine Ahnung von Aquarellmalerei und legte alles ziemlich gleichgültig beiseite.

Bis ich in einem Antiquariat einen Bildband über den Maler Oskar Koller fand, wie vom Donner gerührt auf diese Malerei starrte und dachte: „Das ist für mich, genauso möchte ich die Welt in Farbe sehen.“.

Das erzählte ich einem einheimischen Insel-Maler, der mich natürlich schräg ansah und meinte: „Na, da haste dir die schwierigste Art zu malen ausgesucht.“.

Meine neue Sicht in Aquarell

Das hätte er nicht sagen dürfen, denn in der Folge war ich eifrige Schülerin bei allen verfügbaren Lehrgängen „Aquarell für Anfänger“ in der Volkshochschule (Bergen auf Rügen) und entdeckte eine spannende Welt, die mich faszinierte und nicht mehr ruhen ließ.

Und so begann meine Entdeckungsreise in die Wasserfarbentechnik. Es war aufregend zu begreifen, wie Farbe fließt, wie sie sich aufbaut, Tiefe macht oder Lichter setzt. Anfangs noch versucht, Blumen, Äpfel, Gegenstände so naturgetreu wie möglich zu malen, schaue ich inzwischen anders: Keine Abbildung von dem, was da ist, sondern malen im Ausdruck von dem, was ich fühle, wie ich die Welt spüre.

Ich bin auf dem Weg, mich zu lösen, ich begreife: weniger ist mehr und ich verstehe diese besondere Herausforderung. Schade, Oskar Koller, ich hätte dich gerne gefragt, wie Genie ohne Sorgfalt auskommt – aber, ich weiß, dass ich dies rauskriegen werde.