Wie ich bleibe, wer ich nicht bin

Blogger 9. Februar 2018 Juli 12th, 2018 Fundstücke, Rügen-Blog

Eine Betrachtung zur Verkleidung auf Rügen

Mein Alltag wird saisonal bestimmt durch die Masse der Urlauber, denn ich wohne auf der Insel Rügen. Auf der größten und schönsten Urlaubsinsel Deutschlands. Ein Fluch und ein Segen, was hier aber thematisch nicht weiter kommentiert werden soll, mitnichten, mich bewegt ein anderes Problem.

Was fällt auf?

Ich beobachte immer deutlicher, wie sich mit dem Fortschreiten der Saison die Klientel der Feriengäste verändert, zahlenmäßig sowieso, das ist ja fast schon dialektisch, hingegen was mich wirklich beeindruckt, ist die in der Kleiderordnung deutlich dokumentierte Botschaft: „Ich bin im Urlaub. Ich mache jetzt was ich will, denn ich habe frei.“.

Wovon sich die Menschenmassen befreien wird ersichtlich, nämlich von jeglicher Sorgfalt, was die Wahl ihrer Bekleidung angeht.

Jede Wette, mit diesen hautengen Ringelleggings oder den Caprihosen in Pink würde die beleibte Dame zu Hause nicht des Nachts zur Mülltonne schleichen, ein Anderer in den unsäglich unvorteilhaften 7/8 Männershorts nicht sein Auto putzen, der ältere Herr seine völlig abgelutschten Hippielatschen längst der Vergangenheit überantwortet haben – von der abenteuerlichen Verkleidung der Brötchenholer morgens beim Bäcker gar nicht zu reden.

Kurz, es wird deutlich, im Urlaub ist es wurscht, wie ich aussehe.

Nun gibt es aber noch die Botschafter, die Träger irgendwelcher Lebensweisheiten in textil, die sind auch sehr witzig und brauchen ihre Aufmerksamkeit. Dann gibt es aber noch Jene, die sich einfach irgendetwas anziehen und völlig unbewusst Botschaften verteilen, die schmunzeln lassen.

Im Einzelnen beobachtet

Heute Morgen stehe ich an der Bushaltestelle neben einer jungen Frau, deren dunkelgrünes Shirt ein interessantes Muster aufweist. Beim näheren Hinsehen entziffere ich die Schriftzüge für einen Brief, den sie als Aufdruck quer über der Brust trägt: „Dear Olive…“ und was sicher nicht so persönlich gemeint war, denn: „Liebe Bohnenstange“ wäre für die lange Schlanke passender gewesen…

Beim Konzert sitzt vor mir ein junger Mann, ein sehr durchgeistigter Typ mit Pferdeschwanz und Nickelbrille, dessen eher schwächlicher Schulterbereich die Hemdenaufschrift: „Camp David Crew“ präsentiert, und ich möchte mich am liebsten vorbeugen und sagen: „Eh, Du Wehrdienstverweigerer, biste sicher, dass du im amerikanischen Präsidentencamp wohnen willst?“.

In der Schlange beim Einkaufen springt mich vom Vordermann in massiver Blockschrift die Warnung an: Hier steht ein MammuT!! „Ah ja“, denke ich und betrachte interessiert diesen Tüftlertyp von Bengel, diesen Nerd im Hemdchen und grinse mir eins.

Verkannte Verkleidung

Am ortseigenen Bankautomaten treffe ich auf Einheimische, ja, auch die sieht man gelegentlich abseits der Hauptballungszentren. Man kennt sich und grüßt, ein richtiger Inselmensch, Fischer in dritter Generation und Störtebeker-Double.

„Jo Taching“, der kann noch Plattdeutsch reden, registriere ich erfreut, ein Kochechter, im Sturm geläutert, tja, denke ich – bis er sich umdreht und zur Tür rausgeht.

Was hat dieser Kerl auf seinem Hemd? Die gedruckte Verzweiflungstat der bayrischen Mentalität:

„mia san mia“.

Und dazu sage ich mal gar nichts mehr.

Das denkt Ihr: 2 Kommentare

  • Angelika sagt:

    Köstlicher Beitrag zu den Verkleidungskunststückchen der Urlauber einschließlich der Störtebeker!

    Sollte mir unbedingt mal Gedanken machen, wie ich mich am Vorteilhaftesten im nächsten Urlaub präsentieren kann um der Welt zu zeigen, wer ich eigentlich in Wahrheit bin. Mit „Held der Arbeit…“ käme ich jedoch nicht sehr weit, zu faul! !
    Aber Du bringst mich bestimmt noch auf tolle Ideen !
    Weiter so!

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